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Meyers-1905-Bd-20 , Seite 576

Brockhaus-1911 Auflage, fünfte Auflage, Band 2. Leipzig 1911., S. 977

Deussen, Paul



Deussen, Paul/Mein Leben/Meine Kindheit am Rhein [Philosophie]

... üben lernte. Inzwischen wuchsen in Wevelinghoven die drei Brüder meiner Mutter heran, und es wurde notwendig, für ihre ... ... Jetzt zog sich Frau Koch in ihr großes und schönes Haus nach Wevelinghoven zurück und hier gab es noch einen zweiten Patienten zu ... ... der Sohn eines begüterten Bauern in dem anderthalb Stunden westlich von Wevelinghoven gelegenen Dorfe Kelzenberg. Er war geboren ...

Volltext Philosophie: Deussen, Paul: Mein Leben. Leipzig 1922, S. 48.: Meine Kindheit am Rhein

Meine Kindheit am Rhein.

1845–1857.

Am rechten Ufer des Rheines zwischen Lahn und Sieg erhebt sich das waldreiche, zum Teil rauhe Hochland des Westerwaldes. Auf ihm liegt, fünf Stunden vom Rheintale entfernt, und noch ehe dessen mildere Lüfte sich fühlbar machen in weltentrückter Einsamkeit, die erst in den letzten Jahrzehnten durch Erbauung der immer noch über eine Stunde entfernten Westerwaldbahn sich zu beleben beginnt, das kleine und arme Dorf Oberdreis, wo ich am 7. Januar 1845 geboren wurde. Ein Arzt war bei diesem sehr leicht und glücklich verlaufenden Ereignisse nicht zugegen; die Hebamme, welche Beistand leistete, mußte aus dem schon jenseits der Landesgrenze im Herzogtum Nassau gelegenen Dorfe Roßbach geholt werden. Oberdreis als Kirchdorf bildet mit dem nördlich gelegenen sehr armen Dorfe Lautzert und mit den abwärts in dem westlichen Tale schon einer milderen Luft und etwas größeren Wohlstandes sich erfreuenden Dörfern Dendert und Hilgert eine Pfarrgemeinde evangelisch-unierten Bekenntnisses, welcher mein Vater von 1844 bis 1884 vierzig Jahre und fünf Monate als Pastor vorgestanden hat. Wie mein Vater der Seelsorger, ebenso und noch mehr war meine Mutter während dieses langen Zeitraumes eine wahre Seelsorgerin der Gemeinde, immer bereit, den Notleidenden mit Rat, Trost und tätiger Hilfe beizustehen. Inniger noch als mein Vater war sie mit allen Verhältnissen des Kirchspiels vertraut und hat je später um so mehr neben der Sorge für Haus und Familie auch einen großen Teil der Pastoratsgeschäfte mit Umsicht und bestem Erfolge verwaltet. [2] Und doch waren beide Eltern ursprünglich Fremdlinge in der Gegend, in welcher sie den Wirkungskreis ihres Lebens fanden. Denn Oberdreis liegt noch in fränkischem Sprachgebiete ziemlich nahe an dessen nordwestlicher Grenze, da, wo die oberdeutsche Mundart durch das Hereinspielen des Niederdeutschen ein eigentümliches und seltsames Gepräge annimmt. Meine Eltern hingegen stammten beide aus dem Niederlande, jenseits des Rheines, so daß das Deutsche im Pfarrhause anfänglich mit ganz anderm Akzent als im Dorfe gesprochen wurde. Diesem Umstande ist es wohl zuzuschreiben, daß das Deutsch, welches wir Kinder sprachen, sehr bald jede dialektische Färbung verlor. Zum besseren Verständnisse des Weiteren wird es notwendig sein, zunächst einiges über die Herkunft meiner Eltern zu sagen.

Weder von väterlicher noch von mütterlicher Seite her ist meine Abkunft eine rein bürgerliche, sofern von der einen Seite bäurisches, von der andern adliges Blut in meinen Adern zusammengeflossen ist. Gehe ich in der Reihe meiner Väter aufwärts, so war noch mein Großvater ein wohlhabender Bauer, und ebenso steht es mit seinen Vorfahren, soweit sie sich auf einem noch vorhandenen Stammbaume etwa zwei Jahrhunderte zurückverfolgen lassen. Gehe ich hinwiederum auf der mütterlichen Seite immer von Mutter zu Mutter aufwärts, so gehörte meine Urgroßmutter zu der in Mühlhofen angesessenen Adelsfamilie derer von Au. Wilhelmine von Au, eine wegen ihrer Vortrefflichkeit hochverehrte und von allen, die sie kannten, geliebte Frau, heiratete den in dem kleinen Landstädtchen Wevelinghoven bei Neuß wirkenden Prediger Trappen und blieb auch nach dessen frühzeitigem Tode mit ihren sieben Kindern in Wevelinghoven wohnhaft. Sein Nachfolger im Amte war mein Großvater, Jakob Weimar Ingelbach, der einzige Sohn eines wohlhabenden Farbwaren- und Drogenhändlers in Düsseldorf. Nur ungern fügten sich die Eltern seinem brennenden Wunsche, zu studieren. Nachdem er zu Duisburg und Göttingen das theologische Studium absolviert hatte, wurde dieser, mein Großvater Ingelbach, im Jahre 1805 der Amtsnachfolger meines Urgroßvaters Trappen zu Wevelinghoven. Zunächst führte ihm die eine und sodann eine zweite Schwester die Wirtschaft, aber auch nachdem sich beide verheiratet [3] hatten, war es den Schwestern und der befreundeten Frau Werner Koch nicht möglich, ihn zu einer Heirat zu bestimmen. Er lebte ganz in seinen theologischen und astronomischen Studien, saß bis tief in die Nacht hinein, um die Sterne zu beobachten und zu berechnen, und oft trieb ihn erst der über den Büchern aufdämmernde Morgen, das Bett aufzusuchen. Eine ganze Reihe vollgeschriebener und schwer zu entziffernder Bände von seiner Hand sind noch erhalten. Daneben war er ein großer Freund der Musik und soll die Sonaten von Haydn, Mozart und Beethoven mit vollendeter Meisterschaft gespielt, wie auch Eigenes komponiert haben. Die Noten kaufte er nicht, sondern entlieh sie und schrieb sie für seinen Gebrauch ab. Da starb im Februar 1810 die Frau seines Amtsvorgängers Trappen. In ihren schweren Leiden hatte sie mein Großvater oft besucht und getröstet, und als er die sieben hilflosen Waisen um ihre Bahre stehen sah, da erfaßte ihn ein Mitleid, welches stärker war als alle Grundsätze des Junggesellenlebens, und rasch entschlossen bat er die älteste, von ihm selbst unterrichtete Tochter, die erst sechzehnjährige Wilhelmine Trappen, um ihre Hand. Sie erschrak und konnte sich nicht entschließen, ihrem so hochverehrten Seelsorger als Gattin zu folgen, und erst als wohlmeinende Freunde ihr vorstellten, daß die jüngeren Geschwister bei den Verwandten verteilt werden müßten, sie selbst aber nur die Wahl habe, entweder bei fremden Kindern oder als Ladenmädchen ihr Brot zu verdienen oder den Pastor zu heiraten, da wählte sie als das kleinste Übel die Heirat, und so geschah es, daß der Großvater die Großmutter nahm.

Ihre Ehe war mit neun Kindern gesegnet, von denen sechs am Leben blieben, vielfach mir nähergetreten sind und wohl noch öfter in dieser Geschichte vorkommen werden. Jakobine, meine Mutter, war die Älteste, geboren während der Leipziger Schlacht am 15. Oktober 1813. Dann folgten noch zwei Töchter, Hannchen und Nettchen; erstere heiratete später den Gerber Aretz in Wevelinghoven, letztere reichte nach langer Mädchenschaft dem Buchhändler Falk in Duisburg die Hand. Auf die drei Mädchen folgten drei Knaben: Friedrich, der als Kaufmann in Paris zu großem Reichtum und Ansehen gelangte, August, der als Buchbinder in Wevelinghoven trotz aller Hilfe durch seinen älteren [4] Bruder nie recht auf einen grünen Zweig gekommen ist, und der kurz vor dem Tode des Vaters geborene Gerhardt, der von rastlosem Ehrgeize getrieben nach Paris ging, um es seinem Bruder Friedrich gleichzutun, aber kein Glück hatte, in immer steigende Verbitterung verfiel und schließlich in geistiger Umnachtung endete. Das Leben dieser Familie war infolge der eigentümlichen Grundsätze meines Großvaters bis zu seinem Tode 1830 nach außen hin ein sehr abgeschlossenes. Zwar übte er gewissenhaft vie Pflichten seines Amtes, besuchte als Seelsorger einmal im Jahr jede Familie seiner Gemeinde, wie er denn auch jeden Morgen abwechselnd drei Familien in sein Gebet einschloß und ihre besonderen Bedürfnisse und Nöte in seinem Herzen bewegte. Im übrigen aber verkehrte er mit niemandem und schloß sich und seine Familie gegen die Außenwelt vollständig ab. Abgesehen von den Sonntagnachmittagsbesuchen bei der Tante und ganz seltenen Ausflügen durch Gärten und Felder, waren die Kinder durchaus auf das eigene Haus und den zugehörigen Garten beschränkt, in welchem sie sich kleine Erdhöhlen bauten und nach Lust herumtummeln durften. Hingegen war es ihnen verboten, das nach der Straße führende Hoftor zu öffnen, so daß sie nur durch die Fenster der Wohnung das Leben auf der Straße beobachten konnten. Eine Schule wurde nicht besucht, in allem unterrichtete der geistig überaus regsame Vater seine Kinder selbst. Ja, er gab daneben auch noch fremden Kindern Lektionen, zuerst unentgeltlich, und als die Eltern dies nicht mehr annehmen wollten, rechnete er für die Stunde 21/2 Stüber (10 Pfennig). Der Unterricht war vielseitig und anregend. Nach den Stunden erzählte der Vater seinen Kindern Geschichten, biblische wie weltliche, musizierte mit ihnen und leitete sie zum Zeichnen und Malen an. Meine Mutter bewahrte noch dicke Hefte, in denen sie alle Gegenstände und Personen der Umgebung vielfach unter seiner Leitung gezeichnet und gemalt hatten. Erst abends, wenn die Kinder zu Bett waren, holte der treffliche Mann seine dicken alten Bücher hervor, vertiefte sich in theologische und astronomische Probleme, schrieb und rechnete, und meine Großmutter bedurfte ihrer ganzen Geduld und Sanftmut, wenn er oft nicht zu bewegen war, die Ruhe aufzusuchen. Diese Lebensweise bewahrte[5] die Kinder vor schlechten Einflüssen, hatte aber auch ihre Schattenseiten, und meine Mutter beklagte, daß es ihr infolge der Abschließung in ihrer Jugend all ihr Leben lang an Gewandtheit im Umgange gefehlt habe. Indessen kann ich versichern, daß sie bei einem sehr sichern Taktgefühl in ihrem Berufskreise niemals der erforderlichen Kunst, mit Menschen umzugehen, ermangelt hat. Übrigens sollte sie sehr bald Gelegenheit haben, sich in schwierigeren Lebenslagen zu bilden.

Schon 1830 erlag mein Großvater den Anstrengungen, welche ihm die Ausübung seines Amtes im Winter auferlegte, und während die Großmutter mit den übrigen Kindern in Wevelinghoven blieb, wurde meine bereits konfirmierte Mutter nach Elberfeld in das Haus ihres Onkels, des Oberbürgermeisters Brüning, gebracht, zunächst für ein Jahr zu ihrer weiteren Ausbildung. Dann aber wollten beide Teile nicht voneinander lassen, und so blieb meine Mutter noch fünf weitere Jahre in dem Hause des Onkels, indem sie sich der Pflege einer dort lebenden Großmutter widmete. Diese sechs Jahre in Elberfeld waren für sie die Hochschule, in welcher sie die Ausbildung fürs Leben gewann. Dort wurde der von Haus aus aufrichtig fromme Sinn meiner Mutter durch die Einflüsse in Elberfeld zu einem Pietismus zugespitzt, der später in meinem Elternhause in zahlreichen Andachtsübungen zum Ausdrucke kam, aber auch meiner Mutter manchen Kummer brachte, wenn sie ihre Kinder auf freieren Bahnen wandeln sah und erst spät im Leben eine gewisse Toleranz üben lernte.

Inzwischen wuchsen in Wevelinghoven die drei Brüder meiner Mutter heran, und es wurde notwendig, für ihre Ausbildung zu sorgen. Um dazu beizutragen, verließ meine Mutter das liebgewordene Elberfeld und nahm eine Stelle als Pflegerin bei der schon erwähnten Frau Koch an, mit hundert Talern jährlich, von denen sie die Hälfte an die Mutter abgab. Ihr Dienst war schwer; Frau Koch litt an einem Krebsleiden, und meine Mutter mußte sie verbinden, pflegen und bedienen. Nach kurzem Aufenthalte in Wiesbaden unterwarf sich die Kranke einer Operation in Düsseldorf; aber ehe die Wunde an der Brust noch geheilt war, brach das Übel aufs neue wieder aus. Jetzt zog sich Frau Koch [6] in ihr großes und schönes Haus nach Wevelinghoven zurück und hier gab es noch einen zweiten Patienten zu pflegen. Frau Kochs einziger Sohn hatte sich durch seinen Reichtum zu einem ausschweifenden Leben verleiten lassen, und nun saß er zu Hause, blind und mit verkrümmten Gliedmaßen zusammengebückt im Lehnstuhl und mußte wie ein Kind gepflegt werden. Geistig war er noch frisch und geneigt, über alles zu spotten, was meiner aus dem Wuppertale zurückkehrenden Mutter heilig war. Sie ertrug alles mit Geduld, und nur einmal, als er ihr zumutete, am Karfreitagmorgen aus dem vor kurzem erschienenen, aber von den Elberfeldern zum untersten Pfuhle der Hölle verdammten Leben Jesu von Strauß vorzulesen, da verweigerte ihm meine Mutter den Gehorsam, und er mußte sich darein fügen.

Um diese Zeit hörte der junge Koch, daß sein alter Freund und Schulkamerad, der Kandidat Adam Deussen zu Kelzenberg, aus Westfalen zurückgekehrt und augenblicklich ohne Stellung sei. Sofort schickte er nach ihm und band ihn als Gesellschafter an sein Haus. So trafen in dem Hause des Reichtums und des Unglücks die beiden Personen zusammen, welche dazu bestimmt waren, den Knoten meines Daseins zu schürzen.

Adam Deussen war der Sohn eines begüterten Bauern in dem anderthalb Stunden westlich von Wevelinghoven gelegenen Dorfe Kelzenberg. Er war geboren nach der eigenhändigen Aufzeichnung seiner Mutter in ihrer Familienbibel am. 26. November 1801. Hingegen verzeichnen ihn die damals in der Kriegszeit sehr unordentlich geführten offiziellen Listen als geboren am 10. Frimaire des zehnten Jahres der fränkischen Republik, und sonach muß es unentschieden bleiben, ob mein Vater 1801 oder 1803 geboren ist. Außer ihm war noch ein älterer Bruder, Hannes, und drei jüngere Brüder, Wilhelm Heinrich, Neras (Kornelius) und Köbchen (Jakob) da, während ein sechster, mit Namen Werner, als Soldat in Köln starb. Die übrigen sind mir als wohlhabende Bauern des Jülicher Landes noch in guter Erinnerung. Der Schulunterricht in der Dorfschule wurde nur im Winter betrieben, im Sommer wurde die Jugend teils zur Feldarbeit herangezogen, teils sich selbst überlassen. Oft noch erzählte mein Vater, wie er eine Kuh am Strick führen hatte, den [7] Strick sich selbst ums Bein schlang und so auf einen Kirschbaum stieg, eine Verbindung des Angenehmen mit dem Nützlichen, welche ihm übel hätte bekommen können. Obgleich in dieser Weise seine Jugend wenig vom Bücherstaube berührt wurde, wie er denn all sein Leben durch kein sonderlicher Freund der Bücherweisheit gewesen ist, so entdeckte man doch in ihm höhere Anlagen und beschloß, ihn studieren zu lassen. Nach anderer Version soll er sich zu den ländlichen Arbeiten so unlustig und ungeschickt erwiesen haben, daß man ihn, um doch etwas Brauchbares aus ihm zu machen, zum Studium, selbstverständlich der Theologie, bestimmte. Dies war unzweifelhaft ein Mißgriff. Mein Vater hätte vermöge seines intuitiven Verstandes, seiner Gewandtheit, Jovialität und eines sicheren Taktgefühls in hundert Fächern Bedeutendes, vielleicht Eminentes leisten können, aber zum Prediger und Seelsorger mochte er sich weniger eignen als manche andere, die an Klarheit der Auffassung, Sicherheit des Urteils und richtigem erfolgreichen Eingreifen weit hinter ihm zurückstanden. Notdürftig wurde er drei Jahre hindurch durch Privatunterricht vorbereitet und wanderte dann zu Fuß mit einem Freunde nach Marburg, wo er zwei Jahre, und hierauf nach Bonn, wo er ein drittes Jahr seine Theologie studierte. Von seinen Lehrern erwähnte er mir gegenüber den Professor der Philosophie Suabedissen in Marburg und den Theologen Nitzsch in Bonn, den er oft rühmte, und der wohl am tiefsten auf ihn eingewirkt hat. Übrigens war er nicht nur ein fleißiger, sondern auch ein lustiger Student, wie er denn auch später nie ein Kopfhänger gewesen ist. Wenn mich eine etwas unsichere Erinnerung nicht täuscht, so gehörte er als Konkneipant dem Korps der Westfalen an. Ich fragte ihn einmal: »Papa, hast du auch ein Duell gehabt.« – »Es war geplant«, erwiderte er; »ich hatte einen gefordert, aber der Kerl kam nicht, hatte peurs, so unterblieb's.« In Köln wurde 1825 das erste und in Koblenz 1826 das zweite theologische Examen mit Ehren bestanden. Dann aber folgte eine vierzehnjährige Kandidatenschaft, ohne daß eine Stelle sich für ihn eröffnete, so beliebt er auch überall bei den Gemeinden war, in denen er Aushilfedienste geleistet hat. So wandte er sich, nachdem er vier Jahre hindurch an sechs verschiedenen Orten als [8] Hilfsprediger tätig gewesen war, 1831 nach Kamen und vertrat dort sechs Jahre hindurch den altersschwachen Pastor in der sichern Hoffnung, nach dessen Tode in seine Stelle einzurücken. Das Leben verlief dort unter einer schwerfälligen, fast allein materiellen Interessen hingegebenen Bevölkerung ohne alle geistige Anregung, und eine innere Stagnation trat ein, deren Folgen nie ganz überwunden wurden. Mit getäuschter Hoffnung kehrte er 1837 mutlos und gebrochen in die Heimat zurück, und hier war es, wo ihn sein Jugendfreund Koch entdeckte und in sein Haus zog. Das bescheidene, verständige und fromme Mädchen, welches in so aufopfernder Weise seinen schweren Dienst versah, erweckte bald seine Neigung. Sie aber fand an dem um zwölf Jahre älteren und durch ein langes Junggesellenleben etwas verwahrlosten Kandidaten kein sonderliches Wohlgefallen, und erst als Papa eines Tages durch die Küche ging, seine Pfeife am Herdfeuer ansteckte und in die Worte ausbrach: »Mir muß aber auch alles fehlschlagen!« da fühlte sie sich von tiefem Mitleid er faßt, ohne daß es fürs erste zu einer Aussprache gekommen wäre. Aber die kluge Frau Koch sah voraus, was kommen würde, und nahm meiner Mutter das Versprechen ab, bei ihrem Sohne wenigstens so lange auszuhalten, bis Deussen sie als Pfarrersfrau in sein Haus einführen könne. Sie starb im Februar 1838, und einige Monate darauf erfolgte die Verlobung. Nun ging mein Vater zur Aushilfe nach Feldkirch bei Neuwied; aber so beliebt er auch dort in kurzer Zeit geworden war, so scheiterten doch die einmütigen Bitten der Gemeinde, ihn zum Pfarrer zu erhalten, an dem von dem Fürsten zu Wied als Patronatsherrn festgehaltenen Grundsatze, eine so einträgliche Stelle nur einem älteren Geistlichen seines Fürstentums zu verleihen. Endlich eröffnete sich eine bescheidene Aussicht und im März 1840 wurde mein Vater zum zweiten Pfarrer der Gemeinde Dierdorf ernannt, welcher gleichzeitig eine nur von wenigen Schülern besuchte Rektoratsschule zu unterhalten verpflichtet war. Am 19. Juni feierten meine Eltern im Hause der Großmutter in Wevelinghoven ihre Hochzeit, und als beide eine Woche später von Neuwied aus zu Fuß kommend in Dierdorf eintrafen, da wurden sie, nachdem ausgestellte Wachtposten ihr Herannahen gemeldet, vor dem bekränzten Pfarrhause [9] mit dem Gesang der Schulkinder und mit einer herzlichen Ansprache des die erste Stelle verwaltenden Pfarrvikars Reinhardt empfangen. Dieser Reinhardt und seine noch heute im hohen Alter lebende Gattin wurden nach Übernahme der Pfarrei in dem eine Stunde von Oberdreis entfernten Puderbach unsere nächsten Nachbarn und innigsten Freunde. Diese Freundschaft hat sich auch auf die Kinder übertragen, und noch heute wüßte ich kaum einen, der meinem Herzen so nahe stünde, wie der einzige Sohn dieser Familie, Karl Reinhardt, Direktor des Goethegymnasiums zu Frankfurt a.M.

In Dierdorf wußten die Eltern unter engen Verhältnissen sich behaglich einzurichten. Dem praktischen Sinn meines Vaters gelang es, aus unbenutzten Räumen durch Umbau eine behagliche Wohnung herzustellen, in welcher sich meine beiden älteren Brüder Johannes am 16. Juni 1841 und Werner am 25. November 1842 als hochwillkommene Insassen einfanden. Ein Legat des um diese Zeit verstorbenen Koch von tausend Talern zusammen mit 500 von seiner Mutter übermachten Talern legte den Grund zum späteren Vermögen der Familie, von dem noch die Rede sein wird. Da die mit der zweiten Pfarrstelle in Dierdorf verbundene Lateinschule meinem Vater bei seiner Vorliebe für ein zwangloses Leben zu einer immer größeren Last wurde, so verzichtete er gerne auf die Vorzüge des Lebens in einer kleinen Stadt, als sich eine Dorfstelle für ihn eröffnete, und so siedelte die kleine Familie im Oktober 1843 nach Oberdreis über. Hier wurde ich als dritter Sohn fünfzehn Monate später geboren, hier verbrachte ich die ersten zwölf Jahre unter den Vorzügen und Nachteilen des ländlichen Lebens. Die frische, etwas rauhe Luft des Westerwaldes bei ausreichender, wenn auch überaus einfacher Ernährung führte zu einer Stählung des Körpers, welche mir das Leben hindurch zugute kam, aber die Einförmigkeit und die Dürftigkeit der äußeren Eindrücke ließ es zu keiner gehobeneren Lebensstimmung kommen. Wie im Dämmerlicht flossen meine Tage dahin, und charakteristisch ist, daß mich die Wonne des Daseins zum erstenmal durchschauerte, als ich zehn Jahre alt in Vaters altem und wenig benutztem griechischen Neuen Testamente das Griechische lesen lernte.

[10] Wenn ich im Familienkreise es wagte, die Umgebung von Oberdreis für einförmig, unbedeutend, nichtssagend zu erklären, so konnte dies gelegentlich einen Sturm der Entrüstung veranlassen, und teilweise mochte mein Urteil aus einer mir tief eingepflanzten Neigung entsprungen sein, an jedem gegenwärtigen Zustande die Schattenseiten hervorzuheben, oder, wie man sagt, darauf zu schimpfen, eine Neigung, die ich von meinem Vater geerbt haben mag, und welche bei uns beiden keineswegs den behaglichsten Genuß der Gegenwart ausschloß, vielmehr, wenigstens was mich betrifft, ihre Wurzel in einer geheimen, halb unbewußten Angst hat, durch Zufriedenheit mit dem bestehenden Zustande den Sporn zum weiteren Streben abzustumpfen.

Doch, um auf Oberdreis zurückzukommen, so mag ich es wohl oft zu hart beurteilt haben. Einsam war das Dorf und einförmig das Leben in ihm, aber eine gewisse Lieblichkeit läßt sich doch weder den um den Kirchhügel mit Kirchhof und uralter Riesenlinde herumgeworfenen, strohbedachten Häusern absprechen noch auch dem Wiesental und murmelnden Bach da unten und den kornbewachsenen Feldern, welche sich in sanftem Ansteigen bis zu den waldbewachsenen Höhen fortsetzen. Da war im Süden der mit Tannen bewachsene Oberdreiser Berg, den ich meinen Neriton1 zu nennen pflegte, und die nach Osten und Westen sich fortsetzende Hügelkette, bestanden mit prachtvollen Eichen, nur daß eine blödsinnige Verwaltung früherer Zeiten sich hatte einreden lassen, daß die Eichen besser gedeihen würden, wenn man die Spitze der Kronen abschnitte, und nun standen sie da für alle Zukunft verstümmelt und verunstaltet und boten meinem Vater ein unerschöpfliches Thema, wenn er gelegentlich das Bedürfnis fühlte, über den Westerwald, über seine Zurückgebliebenheit, Verkommenheit und Dummheit sich weidlich zu ereifern. Auf der entgegengesetzten Seite des Tales stieg man den Rodenbacher Weg hinauf zu einer auf der Höhe zwischen Wäldern von Lautzert nach Steimel und Puderbach verlaufenden Landstraße. Im Frühling, wenn die Schneemassen der umliegenden Wälder schmolzen, pflegte diese Landstraße stellenweise zu einem undurchdringlichen [11] Morast zu werden, und man mußte sich an der Seite einen Weg durch das Gestrüpp bahnen. Im Sommer hingegen bot diese Landstraße einen beliebten Spaziergang. Auf beiden Seiten wuchsen im Gebüsch unerschöpfliche Mengen von Waldbeeren, und rechts hatte man wiederholt einen Gesamtblick auf die blauen Berge des Siebengebirges. Und nun vollends Steimel, welche Erinnerungen weckt nicht dieser Ort! Hierhin ging Papa, wenn er mit den zu den Ferien eintreffenden Söhnen ein Glas Bier trinken wollte; dann wurde es gewöhnlich später als gut war; der Rückweg nach dem eine halbe Stunde entfernten Oberdreis war im Dunkel des Waldes kaum noch zu finden, und Mama, mit dem Abendessen wartend, empfing den Gatten und die Söhne mit ernstem Gesichte oder wohl gar mit einer Strafpredigt. In Steimel war jeden zweiten Dienstag im Sommer großer Viehmarkt. Schon frühmorgens zogen dorthin in langen Reihen die Bauern der umliegenden Dörfer mit ihren Kühen, Kälbern und Schweinen. Und während dort die als Käufer und Unterhändler geschäftig hin-und herlaufenden Juden mit den Bauern handelten und feilschten, wurden in den weiterhin gelegenen Buden Obst und Kuchen, Spielzeug und mancherlei Bedarfsartikel feilgehalten. »Was kann man auf dem Steimeler Markt kaufen?« fragte ich als sehr kleiner Knabe mein Kindermädchen. »Alles«, war ihre lakonische Antwort, und ich malte mir aus, wie schön es wäre, wenn ich mir auf dem Steimeler Markt eine Königskrone kaufen würde. Eine halbe Stunde hinter Steimel lag Puderbach, wo der schon in Dierdorf mit meinen Eltern befreundete Pastor Reinhardt seinen Wirkungskreis hatte. Oftmals besuchten sich die Familien, und das schönere Haus, der große Garten mit dem Ouittenbaum, vielleicht auch die etwas reichere Lebensführung in Puderbach übten eine mächtige Anziehungskraft. Wiederholt träumte ich als Kind, wie die Eltern auf überspanntem Leiterwagen mit uns nach Puderbach zogen, wie dort bei Tante Reinhardt der Kaffee, der große Kuchen aufgetragen wurde, worauf ich dann gewöhnlich erwachte und beklagte, nicht weitergeträumt zu haben.

So war die Umgebung des Orts, an welchem ich am 7. Januar 1845 kurz vor 3 Uhr morgens leicht und glücklich [12] ins Leben trat und am 24. Januar auf die Namen Paul Jakob getauft wurde. Den letzteren Namen erhielt ich, weil ihn meine beiden Großväter geführt hatten; da aber in Oberdreis auch ein Jude namens Jakob wohnte, welcher Kühe schlachtete, und meine Geschwister mich gelegentlich damit neckten, daß sie mich Paul-Jakob-schlacht-die-Küh nannten, so mißfiel mir dieser zweite Name höchlich; ich warf ihn fort und verleugnete ihn, wo immer dieses möglich ist. Den andern Namen erhielt ich namentlich zum Andenken des Apostels Paulus, und meine Mutter ermahnt mich in dem Büchlein, welches vor mir liegt und Aufzeichnungen über meine ersten Kinderjahre enthält, dem großen Apostel nachzueifern. In der Tat fühle ich mich ihm wie wenig andern Erscheinungen verwandt. Seine unermüdliche Geduld und Sanftmut, mit der er alles über sich ergehen ließ, um nur seinen Zweck zu erreichen, die Beharrlichkeit und Zähigkeit, mit der er die vorgesetzte Aufgabe verfolgte, die Unbarmherzigkeit, mit der er den falschen Schein angreift (Galater 2) und die stolze Demut, mit der er von sich selbst redet, das alles sind Züge, welche ich auch in mir zu finden glaube, und schließlich habe auch ich meine Lebensaufgabe darin gefunden, einem großen Verkannten bei den Menschen Eingang zu verschaffen, nicht zu erwähnen, daß so ziemlich alle Lehrsätze im System des Apostels Paulus nur unter verändertem Namen integrierende Teile meiner eigenen philosophischen Weltanschauung geworden sind. Als ominös will ich noch erwähnen, daß bei meiner Taufe das Taufbecken umgestoßen, aber noch glücklich von dem anwesenden Ohm Hannes, dem ältesten Bruder meines Vaters, aufgegriffen wurde, wie er mir noch selbst erzählt hat.

Nach den Schilderungen meiner Mutter in dem erwähnten Büchlein war ich ein gesundes und fröhliches, ungewöhnlich sanftmütiges und geduldiges Kind. Dabei aufgeweckt und von großer Lebhaftigkeit. Alles kam bei mir sehr früh; schon mit zehn Tagen soll ich mit Bewußtsein gelacht haben, zur großen Verwunderung meiner Amme, welche dergleichen nie vorher gesehen hatte. Mit sechs Monaten und drei Tagen soll ich zuerst Papa gesagt, mit elf Monaten und acht Tagen mich selbständig aufgerichtet und eine Strecke gelaufen haben usw. Mit drei Jahren, so erzählt [13] meine Mutter, an einem der ersten schönen Frühlingstage habe ich lange bei den Denkmälern auf dem Kirchhofe gestanden und sei dann zur Mutter geeilt mit den Worten.





»Der Winter ist gefangen;

Der Frühling kommt gegangen.«





In diese Zeit fällt auch meine älteste Erinnerung. Sie ist datierbar, denn sie betrifft meinen dritten Geburtstag am 7. Januar 1848. Noch sehe ich den hohen runden Tisch vor mir, und auf ihm als bescheidene Gaben ein Täßchen aus chinesischem Porzellan und einen Biskuitkuchen. Von letzterem schnitt der Vater uns Kindern von Zeit zu Zeit ein Stück ab, und deutlich erinnere ich mich, wie ich mich im stillen darüber wunderte, daß der Vater den beiden andern ebenso große Stücke gab wie mir, obgleich der Kuchen eigentlich doch mir allein geschenkt war. An Naschhaftigkeit war ich meinen Brüdern entschieden überlegen. Ich erinnere mich, wie uns einst Süßigkeiten geschenkt worden waren. Ich verschlang meinen Anteil sofort, während Bruder Werner den seinigen in einem offenen Raum unter dem mit runder Öffnung versehenen Sitze des Kinderstühlchens aufbewahrte. Länger stand ich im Kampfe mit mir selbst, aber plötzlich übermannte es mich, und ich fuhr zu, um vor Werners Augen ein Stück zu erbeuten. Natürlich wurde meine Absicht unter allgemeiner Entrüstung vereitelt. Das moralische Gesetz predigt sich unter den Menschen ganz von selbst, indem wir uns von Mitmenschen umgeben sehen, an deren Rechten die unsern ihre Grenze finden.

Noch eine datierbare Erinnerung aus dieser frühesten Zeit ist die Geburt meiner Schwester Maria am 10. Dezember 1848. Vier Knaben waren ihr vorhergegangen, welche an jenem Morgen in dem engen Schlafzimmer im ersten Stock des alten Hauses ungewöhnlich lange sich selbst überlassen blieben, ohne daß jemand daran dachte, sie zum Aufstehen zu veranlassen. Wir benutzten diesen willkommenen Aufschub, um zu rolzen, wie wir es nannten, d.h. wir türmten in den Betten Kissen und Federbetten über einander, um uns kopfüber von ihrer Höhe in die Betten herabzustürzen und ähnliches mehr. Da erschien Papa mit gerötetem Kopfe und meldete: »Jungens, ihr habt ein Schwesterchen bekommen.« Ein ungeheueres, nicht endenwollendes [14] Freudengeheul war die Antwort, welches mir bis heute noch in den Ohren gellt.

Im Sommer 1849 unternahm die Familie eine Reise zu den beiden Großmüttern ins Niederland. Bis Neuwied wurde im Leiterwagen gefahren, und der Weg war so holperig, daß die mitgenommene Milch von selbst zu Butter wurde. Unvergeßlich ist mir die Szene beim Einsteigen ins Dampfboot. Als der schnaubende Koloß an der Landungsbrücke anlegte, stiegen die vier Ältesten, Johannes, Werner, Paul und Friedrich, ohne Schwierigkeit ein, und die erst halbjährige Maria wurde auf Mamas Arm hineingetragen. Von dem Aufenthalte bei den Verwandten in Wevelinghoven und Kelzenberg sind mir nur ganz flüchtige, vereinzelte Erinnerungsbilder geblieben. Sehr lebendig aber steht mir noch die Rückfahrt vor der Seele. Einer unserer Bauernonkel lud die ganze Familie auf einen mit Leinwand überspannten Karren und fuhr uns nach Grimlinghausen am Rhein zum Nachtdampfer. Ein zierliches Hündchen, welches uns geschenkt worden war, wurde in einer Hutschachtel untergebracht. Unterwegs erhob sich ein greuliches Unwetter; die Nacht war hereingebrochen, und der Regen prasselte in Strömen auf das Leinentuch des Karrens. Wir krochen zusammen und schützten uns so gut wir konnten, kamen auch glücklich an, aber das Hündchen war verschwunden, und man hat nie wieder davon gehört. In dunkler Nacht und unter fortwährend strömendem Regen gelangten wir mit Sack und Pack an der steilen Böschung des Ufers hinunter auf den Dampfer, wo wir bald alle vier in der Kajüte einschliefen, während Papa die naßgewordenen Kleidungsstücke um den Dampfkessel zum Trocknen aufhing.

Das kleine Schwesterchen war natürlich unser aller Liebling. Eines Morgens, während die Eltern sich ankleideten, war sie, die noch nicht sicher stehen konnte, in einem Gitterbett zwischen Kissen eingebaut worden, und wir wetteiferten, mit ihr zu spielen. Friedrich zeigte sich täppisch, und ich holte aus, um ihm einen Backenstreich zu versetzen, traf aber zu meinem Schreck nicht seine Wange, sondern die des geliebten Schwesterchens. Laut ertönte ihr Wehgeschrei, wütend stürzten die Brüder auf mich los, und so sehr ich auch beteuerte, daß meine Absicht eine andere gewesen, man [15] hätte mich gelyncht, wenn die Eltern nicht dazwischengetreten wären.

Im Jahre 1849 war die Aufregung sehr groß, als des Morgens eine Kompagnie Soldaten, dergleichen nie vorher gesehen war, in das Dorf einmarschierte und auf dem Kirchhofe unter der Linde sich gruppierte. Zuerst hatten wir Kinder große Angst, als aber Papa, der den Weg zum Herzen dieser Tapfern wohl kannte, mit einem Kruge voll Schnaps auf sie zuschritt, da wagten wir es, Werner als der Mutigste voran, in bedächtigen Zwischenräumen ihm zu folgen. Bald mischten wir uns dreist unter die Krieger, bewunderten aus der Nähe ihre Helme, Knöpfe und Waffen und wurden für den gespendeten Schnaps mit Backwerk beschenkt. Es waren von den bei uns zu Weihnachten üblichen Hasen und Puppen, so genannt, weil sie mit diesen Dingen eine entfernte Ähnlichkeit haben.

Diese Truppendemonstration in dem friedlichsten aller Dörfer stand, wenn ich nicht irre, im Zusammenhang mit dem revolutionären Geiste des Jahres 1848, dessen Wellenschlag sich bis zu unserm entlegenen Gestade fortgepflanzt hatte. Von alters her behaupteten die Oberdreiser und einige Nachbargemeinden ein Anrecht auf den zu ihrer Gemarkung gehörigen Wald zu haben, welchen der Fürst zu Wied, der ehemalige, aber seit 1806 mediatisierte Landesherr, in dunkeln Zeiten durch nicht ganz klare Manipulationen an sich gebracht hatte. Auf dem Wege des Prozesses war bisher nichts zu erreichen gewesen, und um einen solchen wieder in Gang zu bringen, zogen eines Morgens auf Verabredung alle Familienhäupter der drei Gemeinden in den fürstlichen Wald, und ein jeder holte sich dort gleichsam als Zeichen der Besitzergreifung eine kleine Fuhre Holz. Sogleich erhoben sich warnende Stimmen, und die Leute brachten denn auch am folgenden Tage das Holz in den Wald zurück; aber der Frevel war begangen, und noch dazu in einer Zeit, wo es ohnehin den Potentaten etwas warm auf ihren Sitzen wurde; die Bestrafung blieb nicht aus: jeder Familienvater sollte ein halbes Jahr, die weniger belasteten ein viertel Jahr ins Gefängnis wandern. Hier fand nun mein Vater Gelegenheit, seine großen Gaben zum Wohl der Gemeinde zu verwenden. Er reiste[16] nach Berlin, erbat bei Friedrich Wilhelm IV. eine Audienz und stellte ihm vor, daß die Abwesenheit aller Ernährer für ein halbes Jahr den Ruin der ohnehin armen Gemeinden herbeiführen würde. Der König zeigte sich entgegenkommend, erklärte aber, daß nicht er, sondern der Fürst zu Wied der beleidigte Teil sei, und daß ohne diesen nichts geändert werden könne. Der Fürst zu Wied aber verweilte fern von dem Schweiß und der Not seiner ehemaligen Untertanen in Paris. Ohne sich lange zu besinnen, reiste nun mein Vater auch noch nach Paris und erreichte endlich, daß die Strafe nur zur Hälfte und zu gelegener Zeit, wie namentlich im Winter verbüßt wurde.

Aber auch nach andern Seiten hin entfaltete mein Vater in seiner Gemeinde eine gesegnete Wirksamkeit, wenn auch nicht gerade in theologischem oder gar pietistischem Sinne. Langjährige Prozesse wußte er durch Vergleich zu schlichten, eine rationellere Bewirtschaftung des Bodens regte er an und ging selbst mit gutem Beispiel voran, den Schlemmereien bei den Hochzeiten, welche einen großen Teil der von den Gästen dem jungen Paare nach Landessitte zur Begründung des Hausstandes dargebrachten Geldgeschenke verschlangen, trat er energisch, wenn auch ohne merklichen Erfolg entgegen, und als die in meinem Geburtsjahre zuerst auftretende Kartoffelkrankheit große Not über die hauptsächlich von Kartoffeln lebende Bevölkerung brachte, da reiste mein Vater kollektierend in der Provinz umher und trug wesentlich zur Linderung der Not bei, indem er irgendwelche Erdarbeiten ausführen ließ und dafür Brote verteilte.

Kirche und Pfarrhaus waren, als sie mein Vater übernahm, in kläglichem Zustand. Die Kirche, um 1800 erbaut, war durch die Kriegszeiten nie recht fertig geworden. Von außen fehlte der Anstrich, im Innern die Orgel, durch das Dach regnete es durch und zwischen den halbzerbrochenen Bänken wuchs das Gras. Noch schlimmer stand es mit dem Pfarrhause, in welchem ich die ersten acht Jahre meines Lebens zugebracht habe. Durch die altmodische Haustür gelangte man in eine große rauchige Küche, links war die mit blauen Vöglein austapezierte gute Stube, rechts führten einige Stufen zu der nur durch Übersteigen einer hohen Schwelle erreichbaren Wohnstube, in deren Hintergrunde wieder [17] Stufen zur Gesindestube herabführten. In diesem Hintergrunde stand ich mit vielen geputzten Gästen, als mein Vater die Taufe Marias oder vielleicht die des um zwei Jahre jüngeren Immanuel vollzog. Aufmerksam folgte ich der heiligen Handlung. Als aber der Kopf des Kindleins entblößt und unter feierlichen Sprüchen und Gebärden Wasser mitten in das Gesichtchen geträufelt wurde, da spürte ich eine unbezwingliche Anwandlung zu lachen, und schnell zog ich mich hinter die Röcke der umstehenden Tanten zurück, um meinen Frevel zu verbergen. An einen andern Geniestreich muß ich denken, wenn ich mir die Küche mit dem rußigen, bei Sturmwetter nicht selten durch herabfallende Schornsteintrümmer gefährdeten Küchenherd vergegenwärtige. Einige Bauersleute waren zu Besuch gekommen und hatten mir ein leider noch nicht gekochtes Ei mitgebracht. Ich bat, es mir zu kochen, fand aber für den Augenblick kein Gehör, da alles mit dem Besuch in der Stube beschäftigt war. Ich schlich mit meinem Ei in die Küche, um mir selbst zu helfen, aber das Feuer war erloschen, alles war leergebrannt und kalt. Ich füllte ein Gefäß mit kaltem Wasser, legte das Ei hinein und hoffte meinen Zweck zu erreichen, indem ich ein Streichhölzchen nach dem andern anzündete und in das kalte Wasser tauchte. Erst als die Zahl der weggeworfenen Streichhölzer sich in beängstigender Weise mehrte, ohne daß sich das Wasser merklich erwärmt hätte, erkannte ich die Vergeblichkeit meiner Bemühungen.

Aus dieser Küche führte eine gewundene und bei dem Mangel jeder Lehne für uns Kinder gefährliche Treppe nach dem ersten Stock, wo links und rechts die Schlafzimmer und geradeaus der sehr dunkle und etwas unheimliche Söller lag. Man stieg einige Stufen herunter und befand sich in einem sehr langen, schmalen Raum, dessen Decke und eine Seitenwand nur durch das auf dieser Seite sehr tief herunterreichende Strohdach des Hauses gebildet wurde. Hier sollte es angeblich spuken, und die Leute erzählten, wie ein früherer Pastor mit der Bibel hinaufgestiegen sei, um den Teufel zu beschwören. Diese gruselige Geschichte hielt uns nicht ab, von Zeit zu Zeit und bei hellem Tage dem Söller einen Besuch zu machen und irgendwelchen alten Kram zum Spielen zu benutzen. Dieses alte Haus [18] wurde von Jahr zu Jahr baufälliger, und es mußte an ein neues gedacht werden. Da hierzu die Mittel gänzlich fehlten, so beschloß mein Vater, wie er schon früher durch Kollektieren eine Kirchenorgel beschafft und den Notstand der Gemeinde gelindert hatte, so jetzt auf demselben Wege die Mittel für ein neues Pfarrhaus zusammenzubringen. Diese Angelegenheit hielt ihn einen großen Teil der Jahre 1851 und 1852 von Hause fern. Wieder trug er die Angelegenheit zu Koblenz in persönlicher Audienz dem König vor. »Ich habe kein Geld«, erwiderte dieser mit Lachen, spendete aber dann doch 300 Taler; auch wurde die Erlaubnis erteilt, in ganz Rheinland und Westfalen zu sammeln, und als dies geschehen war, dehnte mein Vater seine Kollektenreisen auch noch auf Holland und die Schweiz aus. So waren, zum großen Teile schon im Jahre 1851, zehntausend Mark zusammengebracht. Wenn es irgend möglich war, kam der Vater zum Sonntag nach Hause. Oft erschien er am Sonnabend spät abends, besorgte am Sonntag den Dienst in der Kirche und was sonst vorkommen mochte und ging Montag früh wieder auf Reisen. Schon längst waren die Pläne für das neue Haus entworfen und der Regierung eingesandt worden. Aber am grünen Tisch beeilte man sich nicht mit der Antwort, zog auch durch allerlei Einwände die Sache in die Länge. Indessen wurde der Aufenthalt im alten Hause immer unerträglicher. Da erklärte mein Vater: Morgen wird gebaut, mag die Regierung sagen was sie will. Nun entwickelte sich ein reges Treiben. Alle Mitglieder der Gemeinde taten Hand- und Spanndienste. Der Keller wurde gegraben dicht neben dem alten Hause, welches man stützen mußte, da es anfing zu rutschen. Bald aber erhob sich das Grundgemäuer des neuen Hauses und auf diesem das Zimmerwerk, zu welchem das Holz aus dem Gemeindewalde geliefert wurde. Dies alles und der ganze weitere Ausbau war für uns Kinder ebenso belehrend wie unterhaltend. In jeder freien Stunde kletterten wir auf den Balken herum, und jeder der vier älteren Brüder, mit Ausnahme meiner selbst, hat einen mehr oder weniger schweren Fall getan. Wir konnten die Zeit des Einzuges kaum erwarten. Sobald die Treppen gelegt waren, richteten wir uns schon in den ungetünchten Zimmern wohnlich ein, und am 23. September 1853, [19] es war ein Sonntagmorgen und der Umzug war beendet, setzte sich Mama ans Klavier und spielte mit Rührung: Unsern Eingang segne Gott. Drei Tage darauf schenkte sie meinem Bruder Reinhard das Leben. Er war das siebente Kind, auf welches als achtes und letztes zwei Jahre später noch Elisabeth folgte. So war denn den Eltern nach und nach die stattliche Reihe von sechs Söhnen und zwei Töchtern beschieden worden, deren Erziehung zur Hauptaufgabe ihres Lebens wurde, welcher sie sich denn auch mit aller Treue gewidmet haben. Das Einkommen der Stelle war gering; es bestand in dem Nießbrauch von Pfarrwohnung nebst Stallungen und Scheune, von Wiesen, Gärten und Äckern sowie aus einer jährlichen Lieferung von Holz aus dem Gemeindewalde. Hierzu kam bis zu seiner späteren Ablösung der sogenannte »Zehnte«. Der zehnte Teil alles Feldertrages in der Gemeinde, z.B. beim Korn die zehnte Garbe, wurde ohne Auswählen ausgesondert, und zur Hälfte dem Fürsten zu Wied, zur Hälfte dem Pfarrer überwiesen. Bares Geld war ursprünglich, d.h. bis zur Ablösung des Zehnten, gar nicht mit der Stelle verbunden, es wären denn die Stolgebühren gewesen, bestehend in ganz kleinen Abgaben bei Kindtaufen, Heiraten u. dgl. Eine Wöchnerin wurde beim ersten Kirchgange mittels einer Einschaltung im Kirchengebete »ausgezeichnet«, wofür zwölf Eier entrichtet wurden. Endlich hatte jeder Hausstand in der Gemeinde zu Ostern zwölf Eier zu liefern, deren mühsame Eintreibung sich durch das ganze Jahr hinzog. Wie oft bin ich selbst, wenn man mal Eier brauchte, mit einem Körbchen unter dem Arme und einer Liste der Säumigen in der Hand von Haus zu Haus gegangen und habe die Ausreden und Vertröstungen der Leute anhören müssen. Manche zogen es auch vor, anstatt der zwölf Eier den hierfür feststehenden Satz von neun Kreuzern (25 Pfennig) zu entrichten. Amtlich war die Stelle unter denen verzeichnet, welche einen Ertrag von weniger als vierhundert Talern lieferten. Denn regelmäßig wurden die jährlichen Beiträge zur Witwenkasse zurückgesandt, wie es in diesem Falle gesetzlich vorgeschrieben war. In Wahrheit ließen sich die Erträgnisse der Stelle doch auf sechshundert Taler und wohl noch mehr bringen, wenn Felder und Wiesen nicht verpachtet, sondern vom Inhaber selbst rationell bewirtschaftet[20] wurden. Und hieran ließen es beide Eltern nicht fehlen. Ein Knecht und zwei Mägde wurden gedungen, ein Pferd zur Bestellung der Felder gekauft, ein Dutzend Kühe füllte die Ställe Schafe, Schweine und eine Ziege waren stets vorhanden, und auf dem Hofe wimmelte es von Hühnern, Enten und Tauben. Eine Anzahl Gänse kam erst später als besondere Liebhaberei des Vaters hinzu, während die Mutter ihnen das Zertreten der Wiesen nicht verzeihen konnte und froh war, wenn sie einen dieser Schreihälse als Festtagsbraten auf den Tisch bringen oder lieben Verwandten in Elberfeld zum Geschenk machen durfte. So machte denn unser Pfarrhaus von außen ganz den Eindruck eines besser situierten Bauernhofes oder kleinen Herrenhauses. Die Felder wurden regelrecht bestellt und abgeerntet, das Heumachen, Kornschneiden, Kartoffelgraben usw. wiederholten sich im Kreislaufe des Jahres, und im Winter konnte man schon vom ersten Morgengrauen an das melodische Klipp klapp der Dreschflegel von der Scheune her vernehmen. An manchen Arbeiten durften auch wir Kinder teilnehmen, wie namentlich an dem Wenden des Heues oder an dem Einernten der reichlich vorhandenen Kirschen, Pflaumen, Birnen und Äpfel. Weniger angenehm war es, wenn wir von Mama in den großen Gemüsegarten zum Ablesen der Raupen befohlen wurden oder in Stellvertretung Papas in herbstlicher Kühle bei den Kartoffelgräbern stehen mußten, da sonst zu wenig getan wurde. Eine Beihilfe, wenn auch zweifelhafter Art, war es, daß bei den Hauptarbeiten, wie namentlich beim Heumachen, Kornschneiden und Kartoffelgraben, jeder Familienvater der Gemeinde an einem Tage »die Stunde tun«, d.h. dem Pastor bei der Arbeit helfen mußte. Der Vorteil dieser Einrichtung wurde indes durch die im Pfarrhaus nachfolgende Bewirtung stark geschmälert. Immerhin reichte die auf diese Weise bewirtschaftete Pfarrstelle hin, um die zahlreiche Familie zu ernähren, wie auch, um durch den Verkauf von Korn und Vieh, von Butter, Eiern u. dgl. so viel Geld zu lösen, wie nebenbei unbedingt erforderlich war.

Bei dieser Lage der Sache, wo die Pfarrstelle fast nur Naturalien eintrug und die Zinsen des kleinen Kapitals, das die Eltern besaßen und das durch den Onkel Wilhelm Heinrich, von [21] dem später noch die Rede sein wird, verwaltet wurde, nicht angetastet werden sollten, eröffnete sich uns zu der Zeit eine dritte Einnahmequelle, welche es ermöglichte, den Überschuß der Wirtschaft an Brot und Fleisch, an Butter, Milch und Eiern vorteilhafter als durch den bloßen Verkauf zu verwerten und nach und nach immer erheblichere Beiträge für unser Fortkommen lieferte. Schon in meinen ersten Lebensjahren war meiner Mutter eine junge Kusine, Elise Brüning aus Elberfeld, zur Ausbildung im Haushaltungswesen für ein Jahr anvertraut worden, und dies hatte sich so gut bewährt, daß ohne jede Bekanntmachung in den Zeitungen nach und nach immer mehr Familien ihre Töchter für ein Jahr nach Oberdreis schickten. Gewöhnlich waren in der späteren Zeit sechs bis zwölf solcher jungen Damen in dem einsamen Oberdreis, trugen durch ihr Kommen und Gehen, durch die Briefe, Sendungen und Besuche ihrer Angehörigen gar sehr zur Belebung des abgelegenen Bergtales bei, und man kann sich denken, mit welchem Interesse wir als heranwachsende Jünglinge bei unserer Heimkehr in den Ferien die Reihen »der lieben Mädchen« (dies war die übliche Bezeichnung) zu mustern pflegten. Sie bezahlten im Jahre einen Pensionspreis von 120, später, wenn ich nicht irre, 180 Talern, wofür sie Wohnung und Tisch, der jetzt an Fleisch, Weißbrot usw. besser bestellt war, sowie Anweisung in den wochenweise abwechselnden Hausarbeiten erhielten. Es gab da eine Stubenwoche, eine Vormittags- und eine Nachmittags-Küchenwoche, eine Bettenwoche usw. Auch Klavierunterricht wurde erteilt, und unzählige Male erklangen »Die Klosterglocken« und stieg das »Gebet der Jungfrau« zum Himmel auf. Kamen wir vom Gymnasium oder der Universität in den Ferien nach Hause, so wurde mancherlei zur Unterhaltung veranstaltet. Gewöhnlich las ich aus Goethe oder Shakespeare vor, oft ein ganzes Drama ohne Unterbrechung in einer Sitzung. Im Herbste 1867 ging ich mit »den lieben Mädchen« die Geschichte der Philosophie nach Schwegler durch, was nur dadurch möglich wurde, daß wir alle täglich eine Stunde früher aufstanden. Mit Fanny Poadt, einer Engländerin, trieb ich Englisch, Deutsch, Lateinisch, und ein andermal habe ich mit zwei oder drei Schülerinnen Shakespeares Macbeth auf englisch durchgearbeitet. [22] Daneben wurden jeden Nachmittag weitere Spaziergänge unternommen, wir besuchten zusammen den Steimeler Markt, die alte Burg Reichenstein, oder wir erklommen den Beulstein, eine Felsmasse mitten im Wald, blickten von dort auf Oberdreis und das idyllische Tal, sahen die Sonne hinter den Bergen untergehen und sangen dazu: »Seht, wie die Sonne dort sinket.« Weniger harmlos war es schon, wenn wir mit »den lieben Mädchen« in ein Wirtshaus einkehrten, um Kaffee, Milch und Bier zu trinken, was eigentlich nur für weitere Touren erlaubt war. Indessen gelang es uns mitunter sogar in Steimel, die »lieben Mädchen« zu einem Glase Bier hereinzunötigen, namentlich wenn ein besonderer Anlaß vorlag, z.B. wenn wir Besuch hatten, was in dem gastlichen Pfarrhause fast immer der Fall war. Übrigens ist alle die Jahre hindurch alles in den Grenzen des strengsten Anstandes geblieben; kein Mädchen ist bei uns zu Schaden gekommen, und sogar die Pfänderspiele wurden ohne Küsse gespielt. Das Stärkste, was vorkam, geschah vielleicht, als ich Weihnachten 1869 aus Minden in die Ferien zurückkam und wie immer eine von den »lieben Mädchen«, gewöhnlich die Schönste, zur Königin meines Herzens erkor und durch stille Aufmerksamkeiten auszeichnete. Der Weihnachtsabend kam heran. Unter dem strahlenden Christbaume wurden zahlreiche Pakete ausgeliefert, und nun ging es an ein Auspacken, Lesen der Briefe, Enthüllen der Geschenke, wobei des Jubels kein Ende war. Unter anderm packte meine Angebetete ein hübsches und für die ganze Familie nützliches Geschenk aus und überreichte es meiner Mutter. Ich stand natürlich daneben. Meine Mutter bewundert das Geschenk, ich bewundere es noch viel mehr und meine Mutter schließt das liebe Kind in ihre Arme und drückt einen Kuß des Dankes auf ihre Stirn. Was war natürlicher, als daß ich auch hierin ihrem Beispiel folgte, und vor aller Augen, ehe man sich dessen versah, einen Kuß von den rosigen Lippen des Mägdeleins geraubt hatte. Die Sache ging im Festgetümmel so hin, kam aber doch am andern Tage, als die Familie unter sich allein war, zur Sprache. Friedrich, der überhaupt immer geneigt war, mir etwas am Zeuge zu flicken, entwickelte mit ungestümer Beredsamkeit, daß durch dergleichen Vorkommnisse der Ruf des Pensionats leiden [23] könne, dessen Erträge doch für den Unterhalt der Familie unentbehrlich seien und nicht am wenigsten auch von mir selbst oft genug in Anspruch genommen würden; er zeigte, immer hitziger werdend, wie ich somit meine eigenen Subsistenzmittel untergrübe und verstieg sich schließlich zu dem klassischen Ausspruche: »Der Paul vertilgt sein eigenes Brot!« Ein allgemeines herzliches Lachen belohnte diese rednerische Leistung und zeigte, daß man für diesmal nicht geneigt war, die Sache allzu tragisch zu nehmen.

Die meisten Pensionärinnen blieben nur ein Jahr bei uns. Ausnahmsweise kam es vor, daß ein Mädchen zwei, drei, ja wohl vier Jahre in Oberdreis verweilte. So blieb Klementine W., ein sehr schönes, aber auch sehr schwer zu leitendes Mädchen, ein Schützling und soviel mir bewußt, entfernte Verwandte von Alfred Krupp in Essen, von 1851 bis 1854 in Oberdreis. Sie war, als sie bei uns einzog, schon lange Zeit so heiser, daß sie keinen lauten Ton hervorbringen konnte. Man nahm an, daß sie ihre Stimme für immer verloren habe. Aber die gesunde Bergluft des Westerwaldes wirkte hier ein Wunder. Eines Abends kehrten die Mädchen von einem längeren Spaziergange auf den Oberdreiser Berg zurück, legten sich schlafen, und als am andern Morgen Klementine herunterkam, hatte sie ihre Stimme wieder erlangt und sprach klar und laut wie ein anderer Mensch. In der Folge wußte sie der Langweile des Landlebens dadurch abzuhelfen, daß sie allerlei dumme, zum Teil auch schlechte Streiche verübte. Dabei hatte sie die merkwürdige Eigenschaft, im Schlafe zu sprechen, und so verlogen sie auch sonst sein mochte, wenn meine Mutter sie im Schlafe ansprach, so konnte sie nichts verschweigen und beichtete alles bis ins kleine, ohne beim Erwachen sich daran zu erinnern. Was später aus ihr geworden ist, weiß ich nicht zu sagen. Jedenfalls wurde sie ein Segen für die Gegend. Denn als durch Mißwuchs und andere Umstände das Elend unter den Leuten immer größer wurde, da überredete mein Vater mit großer Mühe ein paar Leute, mit einer Empfehlung von ihm nach Essen zu Krupp zu gehen. Sie glaubten auf Nimmerwiedersehen zu scheiden, fanden aber bei Krupp Verwendung und konnten bald reichliche Beträge an die Ihrigen in der Heimat senden. Jetzt fand das Beispiel Nachahmung. Immer mehr Leute [24] verlangten, nach Essen zu gehen, und da Krupp sich bereit erklärte, jeden anzustellen, den mein Vater mit einer Empfehlung ihm senden würde, so bildete sich in Essen nach und nach noch eine ganze Kolonie von Leuten aus Oberdreis und der Umgegend, welche dort viel Geld verdienten und nach Hause sandten oder mit sich zurückbrachten und dadurch sehr dazu beitrugen, den Notstand in der Heimat zu lindern.

Eine Hauptursache des Elends war die Leichtfertigkeit, mit welcher meine guten Landsleute Schulden machten, wodurch sie mehr und mehr in die Hände jüdischer und auch christlicher Wucherer gerieten, die es dann verstanden, die Leutchen um all ihr Hab und Gut zu bringen. Um diesem Unheile zu steuern, gründete mein Vater mit einem geringen, ich weiß nicht woher geschenkten, Fonds den Wohltätigkeitsverein in Steimeln, dessen lebenslänglicher Präsident er blieb und dem so ziemlich alle besseren Leute der Gegend sich anschlossen. Dieser Verein lieh Kapitalien zu 5 und verlieh sie gegen Hypothek zu 51/2 Prozent. Jeder Schuldner mußte außerdem noch einen Bürgen stellen. Diese Einrichtung erwies sich als außerordentlich wohltätig und half gar sehr, dem Wucher in der Gegend zu steuern.

Haben wir im bisherigen die Verhältnisse geschildert, unter deren Eindrücken meine Jugend gestanden hat, so wäre nun weiter von dem zu reden, was direkt für meine Erziehung und Bildung geschehen ist.

Während mein Vater seinen Kirchendienst mit Anstand und Würde verrichtete, ohne doch den Eindruck zu machen, als wenn ihm dergleichen sonderlich tief zu Herzen ging, so war meine Mutter beseelt von einem nicht nur sittlich strengen, sondern auch auf richtig frommen Geiste, welcher mitunter des Guten vielleicht zuviel tat. Allezeit, soweit ich denken kann, wurde täglich vor dem Frühstück ein Morgensegen abgehalten, zu dem Sonntags auch die Dienstboten hereingerufen wurden. Die Mutter setzte sich ans Klavier; einige Verse wurden gesungen; dann wurde von dem Vater und später, wo dieser zum Morgensegen nicht mehr zu erscheinen pflegte, von der Mutter ein Kapitel aus der Bibel gelesen, worauf ein freigesprochenes Gebet, wie es gerade der Augenblick eingab, folgte. War dieser Vorgang im Angesichte [25] des aufgetragenen Frühstücks für Kinder oft eine Geduldsprobe, so gab er doch als feierliche Einweihung des Tages diesem ein gewisses sittliches Gepräge und wirkte ohne Zweifel disziplinierend. Schwerer zu ertragen waren die lange Jahre bestehenden Abendsegen, während man schon mit dem Schlafe kämpfte, ohne doch einschlafen zu dürfen. Sogar ein Mittagsegen wurde, vielleicht unter dem Einflusse pietistischer Amtsbrüder, eine Zeitlang versucht, jedoch bald wieder aufgegeben. An diese Andachtsübungen schlossen sich frühzeitige religiöse Belehrungen durch die Mutter. Eine alte Bilderbibel wurde besonders Sonntagnachmittags hervorgeholt, wobei die Mutter uns die zugehörigen biblischen Geschichten erzählte; keine Dämmerstunde ließ sie gern vorübergehen, ohne ihre Kinder um das Klavier zu versammeln, mit ihnen zu singen und erbauliche Erzählungen und Ermahnungen einzuflechten, und in der Passionszeit, namentlich in der Karwoche, lag es auf dem ganzen Hause wie ein Schatten des Todes. An diesen religiösen Unterricht schloß sich frühzeitig der profane. Mein älterer Bruder Johannes unternahm es, mir das Lesen und zunächst die Buchstaben beizubringen. Infolge seiner nervösen und hastigen Art verfuhr er, selbst erst acht Jahre alt, allerdings sehr unpädagogisch dabei. Er zeigte und erklärte mir eine Anzahl von Buchstaben zusammen, und wenn ich sie dann nicht wieder nennen konnte oder verwechselte, so kniff er mich mit seinen scharfen und nicht immer sauberen Nägeln in den Hals. Er nannte dies »mieken«. Eines Tages betrachteten mich die Eltern, und Mama rief: »Je noch, das Kind hat ja einen ganz wunden Hals! Was hast du gemacht?« – »Ei, das ist doch vom Mieken«, antwortete ich. – »Was ist Mieken?« – »Nun, ich lerne doch jetzt lesen, und dabei wird man gemiekt.« Die Eltern hatten Mühe, den mir so natürlich scheinenden Zusammenhang zwischen Lesenlernen und Mieken zu verstehen und suspendierten das kaum begonnene Studium. Ich weiß nicht, wer sich dann weiter meiner annahm. Tatsache ist, daß ich mit fünf Jahren fließend lesen konnte und daß es nicht mehr lange dauerte, bis mich die Lesewut ergriff und mir das Lesen zeitweilig für eine Woche verboten werden mußte. Einem der nächsten Jahre, ich weiß nicht mehr welchem, gehört das folgende Vorkommnis an. Es war an einem heißen [26] Sommertag nach dem Mittagessen; Mama hatte die kleine Maria schlafen gelegt und beauftragte mich, die Fliegen von ihr abzuwehren, während sie selbst im Nebenzimmer sich ein wenig zur Ruhe legte. Ich versuchte das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden, indem ich mit der einen Hand dem Kinde die Fliegen wehrte, während ich aus einem in der andern Hand gehaltenen Buche las. Es waren Grimms Kinder- und Hausmärchen, welche uns Tante Marie Reinhardt kurz vorher geschenkt hatte. Ich weiß nicht, ob das Wedeln über dem Lesen allzu lässig betrieben wurde; Tatsache ist, daß das Schwesterchen erwachte und anfing zu schreien. Mama, aus dem Schlafe aufgeschreckt, eilt herbei, sieht das Märchenbuch und konfisziert es. Alle Anzeichen deuteten darauf hin, daß mir dieses liebste aller Bücher für längere Zeit vorenthalten bleiben sollte. Mein Kummer war groß, und ich brachte meine Sehnsucht in einem Gedichte zum Ausdruck, welches anfing: »O Märchenbuch, o Märchenbuch«, welches noch längere Zeit vorhanden war, jetzt aber, wie es scheint, verloren ist. Die Sache sprach sich herum, ich mußte es am andern Morgen beim Frühstück vortragen, und man fand es so rührend, daß Mama mir auf allgemeine Bitte das Buch zurückgab.

Wir besuchten nun zunächst die Elementarschule des Orts, welche gegen hundert Kinder verschiedenen Alters aus Oberdreis, Dendert und Hilgert umfaßte. Es war nur eine Schulstube wie auch nur ein Lehrer vorhanden. Die Heizung der Schule wurde in der Art besorgt, daß jedes Kind allmorgendlich im Winter ein Scheit Holz von Hause, oft eine halbe Stunde weit her mitbrachte und beim Eintritt neben den Schulofen warf. Beim Unterricht saßen die Kinder auf Bänken ohne Lehne an langen flachen Tischen, die Knaben auf der einen, die Mädchen auf der andern Seite. Der Unterricht war in manchen Fächern für alle gemeinsam, in andern widmete der Lehrer sich nur einer Abteilung, während er die übrigen still beschäftigte. Am schwersten war für den Lehrer wohl die Schreibstunde. Stahlfedern waren nur dem Hörensagen nach bekannt und galten für einen nicht zu billigenden Luxus. Auch Hefte gab es nicht. Man schrieb auf zusammengefaltete Papierbogen mit Gänsefedern, welche sämtlich der Lehrer schneiden mußte, so daß immer eine Anzahl um [27] ihn herumstand mit der Bitte: »Zepter (Präzeptor), schneid mir die Feder.« Der damalige Lehrer namens Becker war ein kleiner, lebendiger, sehr geschickter und beliebter Mann, und es tut mir noch heute leid, ihn einmal gröblich beleidigt zu haben. Es war in der Dämmerung und wir spielten mit der ganzen Dorfjugend auf der Wiese. Auf einmal hieß es: Stille, der Zepter kommt. Ich hatte gegen den seelenguten Ohm Becker, wie wir Kinder ihn im Pfarrhause nannten, nicht den mindesten Groll, und es war nur die Sucht, mich hervorzutun, vielleicht auch die schon damals in mir liegende Neigung zur Opposition, welche mich verführte, über den auf dem Hohlwege außerhalb des Spielplatzes still und von mir selbst ungesehen Vorübergehenden während des scheuen Stillschweigens der andern einige sehr ungezogene Worte zu sagen, wie sie sonst nur hinter dem Rücken des Lehrers unter den Schülern von Mund zu Mund zu gehen pflegen. Die Sache wurde zu Hause bekannt, ich wurde für einige Stunden eingesperrt, und das Härteste war, daß ich am andern Morgen zum Lehrer gehen und diesen um Verzeihung bitten mußte.

Der Unterricht des Lehrers Becker wurde sehr gerühmt, und auch ich erinnere mich noch wohl, wie anregend es war, wenn der kleine Mann auf ein Bänkchen stieg, um mit seinem Stäbchen die Landkarte zu erklären, oder wenn er eine Kugel in der Mitte der Schulstube aufhing, um die jährliche Wanderung der Sonne durch die rings an den Wänden befestigten zwölf Bilder des Tierkreises anschaulich zu machen.

Immerhin konnte ein Unterricht in Gemeinschaft mit soviel Kindern verschiedenen Alters auf die Dauer für unsere Zwecke nicht genügen, und da mein Vater selbst zum Lehren ebensowenig Neigung wie Geschick hatte, so entschloß er sich, für uns drei einen besonderen Hauslehrer zu halten, und indem er den Unterricht im Lateinischen sich selbst vorbehielt, konnte er sich mit einem seminaristisch gebildeten Elementarlehrer fürs erste begnügen. Die Wahl fiel auf Heinrich Hoffmann aus Offdillen in Nassau, welcher Herbst 1852 bei uns eintrat und fast zwei Jahre bis Herbst 1854 unsere Erziehung leitete. Er war ein offenherziger, harmloser junger Mann von nicht sonderlich feinen Manieren und hat sich unserer ganz treu angenommen, sowohl im Unterricht [28] als außerhalb desselben. Er war noch nicht lange bei uns, da wurden wir in der Nacht des 9. Januar 1853 durch Feuerlärm geweckt. Es brannte bei der Hanne im Judenviertel, dessen zwei oder drei Häuser ganz nahe dem Pfarrhause und noch näher der Kirche sich an der Kirchhofsmauer hinzogen. Wir standen auf, kleideten uns an und jeder packte seine Habseligkeit an Büchern, Traktätchen und Spielsachen in einen Korb. Unsere Befürchtung, daß die umfliegenden Funken das Strohdach des Pfarrhauses oder das im Rohbau schon fertigstehende neue Haus entzünden möchten, erfüllte sich nicht. Wohl aber hieß es plötzlich zum allgemeinen Schrecken: Die Kirche brennt! In der Tat hatten umherfliegende brennende Massen das morsche Holz eines Dachfensters der Kirche angezündet. Die Gefahr war groß und niemand wußte zu helfen. Denn man mußte mit einem Eimer Wassers unter dem Dach der Kirche über das aus Balken und Flechtwerk hergestellte Gewölbe der Kirche sich im Dunkeln zum brennenden Dachfenster hintasten, und jeder befürchtete, dabei durchzubrechen und in die Kirche herunterzustürzen. Da entschloß sich der wackere Lehrer Becker, gestützt auf seine Lokalkenntnis, das Wagnis zu unternehmen. Es gelang ihm, die Kirche zu retten. Hierbei aber zog er sich in der kalten Winternacht eine Erkältung zu, welche in eine hitzige Krankheit ausartete, die in kurzer Zeit zu seinem Tode führte. Wir durften hin, den Leichnam zu sehen, es war der erste in meinem Leben. In seinem schönen neuen, von ihm selbst gebauten Hause lag er aufgebahrt in schwarzem Sarge, kalt und blaß, die Augen geschlossen, die weiße Zipfelmütze auf dem Kopfe. Wir durften zum Abschied seine Hand ergreifen; die fiel schwer und starr herab, sowie wir sie losließen. So etwas vergißt sich nicht, auch wenn in halbes Jahrhundert uns davon trennt. Der Tag des Begräbnisses war gekommen. Meine Brüder wollten in Tränen zerfließen. Ich aber sprach: »Nur nicht geweint! Der liebe Ohm Becker ist im Himmel. Da ist ihm viel wohler als hier.« Man hat mir dieses Verhalten und ähnliches im späteren Leben als Herzlosigkeit ausgelegt. Aber ich glaube, daß dabei eine Begriffsverwechslung vorliegt. Herzlos ist der, welcher sein Herz vor der Not des andern verschließt, und das habe ich nie getan. Ich habe stets für andere etwas übrig gehabt, [29] wenn auch nicht soviel wie für mich selbst. Wohl aber ist mir von Natur an die Gabe zuteil geworden, fremdes wie eigenes Mißgeschick gelassen hinzunehmen, sobald ich dessen Unabwendbarkeit erkannte.

Als Ersatz für Lehrer Becker gewann Oberdreis einen andern nicht weniger trefflichen Mann, den Lehrer Alsdorf aus Wienau. Wir empfingen ihn eine halbe Stunde vor dem Dorfe mit Gesängen, die unser Herr Hoffmann uns mit den Schulkindern zusammen eingeübt hatte. Alsdorf blieb mit Hoffmann befreundet. Unserer Familie aber war und blieb er über dreißig Jahre lang ein lieber Freund und Helfer, der in allen Nöten herbeigerufen wurde, mochte es sich um das Erkennen einer Kinderkrankheit oder den Ankauf eines Pferdes oder das Stimmen des Klaviers handeln. Seine ersten Kinder starben alle in den ersten Lebensjahren, es war herzzerbrechend, ihn an den kleinen Gräbern weinen zu sehen. Später sind ihm vier prächtige Kinder herangeblüht, dem ältesten werden wir noch öfter begegnen.

Mit Herrn Hoffmann machten wir öfter weite Touren zu Fuß, die weiteste zu Pastor Müller in Holpe. Mit Butterbrot gemahlenem Kaffee und sonstigem Proviant versehen, legten wir den acht Stunden weiten Weg dorthin an einem Tage zurück. Hochpoetisch war es dabei, daß wir unweit Hamm in einem richtigen Kahn über die Sieg gesetzt wurden. Von Holpe zurückkehrend, hörten wir, daß ein Brief für Herrn Hoffmann auf dessen Zimmer liege. Er eilte hinauf, ich sprang ihm nach. Er riß den Brief auf, blickte hinein und rief, indem er vor Überraschung die Hände zusammenschlug: »Ich bin versetzt!« Ich, der ich nicht wußte, welches Gesicht ich bei dieser Nachricht aufsetzen sollte, lief herunter und teilte den andern die große Neuigkeit mit: »Herr Hoffmann ist versetzt.« Alsbald erhob sich ein allgemeines Gejammer, an welchem ich beim besten Willen nicht teilnehmen konnte. Herr Hoffmann war mir lieb und wert, aber eine Veränderung konnte doch auch sehr hübsch werden und war jedenfalls interessant. Und um meinen Gefühlen freien Lauf lassen zu können, lief ich hinaus. Draußen im Hofe waren Faßdauben aufgeschichtet, wie sie aus den besseren Stücken des gelieferten Gemeindeholzes ausgehauen und an Rüfer verkauft zu [30] werden pflegten. Zwischen diese Dauben, wo mich niemand sehen konnte, setzte ich mich hinein, und da habe ich nach Herzenslust gelacht. So verschieden waren meine Gefühle von denen meiner Brüder. Zwar hatten wir von den gemeinsamen Eltern denselben Intellekt geerbt, aber die Mischungsverhältnisse waren verschieden. In einem gewissen Sinne kann man sagen, daß bei mir wie auch bei Elisabeth der ruhige, klare, berechnende Intellekt und bei den andern das Gemüt, die Gefühle, der Wille vorherrschte.

Herr Hoffmann also schied, und nun unternahm es Papa, uns ins Lateinische einzuführen. Eines Tages erschienen drei schöne neue Exemplare der Elementargrammatik von Kühner, wo sehr zweckmäßig das Präsens der vier Konjugationen zuerst eingeübt wird, so daß man sogleich Sätzchen übersetzt wie rana coaxat oder agricolae arant und daran seine Freude hat. Leider fehlte es dem Vater an Stetigkeit. Immer seltener rief uns Papa zum Unterricht und bei den Subtilitäten der dritten Deklination geriet die Sache ganz ins Stocken. Mit Kummer sah Mama, wie wir Tage und Wochen lang Ferien hatten, da es immer noch nicht gelingen wollte, eines neuen Hauslehrers habhaft zu werden, zumal bei Papas Unlust zum Unterricht der Hauslehrer auch das Latein übernehmen sollte, also doch schon ein Kandidat der Theologie sein mußte. Oft verkündigte Papa: Heute wollen wir Lektion halten. Dann gingen wir aufs Zimmer, aber Papa kam nicht oder ging doch bald wieder weg, und wir blieben uns selbst überlassen. Dann ging es wohl über Papas Bücherschrank her, und es wurde Passendes und Unpassendes durcheinandergelesen. Eines Nachmittags, ich mochte acht oder neun Jahre alt sein, fiel mir ein Bändchen in die Hände, welches den ersten Teil von Goethes Faust enthielt. Ich verstand das wenigste davon, aber Sprache und Reim fesselten mich so sehr, daß ich, auf der Erde neben dem Bücherschrank hockend, nicht aufstand, ehe ich das Büchlein von Anfang bis zu Ende durchgelesen hatte.

Ein ganzes Jahr zog sich die lehrerlose, fast in völliger Untätigkeit verbrachte Zeit hin, ehe es gelang, einen Kandidaten der Theologie zu gewinnen, wie sie zwischen dem ersten und zweiten Examen für Hauslehrerstellen leicht, aber immer nur für [31] kurze Zeit zu haben sind. Im Herbste 1855 trat bei uns der nassauische Predigtamtskandidat Wilhelm Christ ein, welcher zum Glück schon nach sechs Wochen wieder abzog. Ich sage zum Glück, denn ein längerer Verkehr mit diesem Menschen würde uns ganz verdorben haben. Seine Sitten waren nicht schlecht, aber burschikos und roh; er machte ganz den Eindruck eines lustigen, wüsten Studenten; sein Hauptvergnügen war, uns zu schlagen, und er betrieb seine Peinigungen ganz systematisch. Beim Übersetzen mußten wir zu zweien links und rechts neben ihm stehen und das für alle gemeinsame Buch der eine mit der linken, der andere mit der rechten Hand vor ihm in der Schwebe halten. Er selbst, zwischen uns sitzend, wiegte sich auf den Hinterbeinen seines Stuhles, indem seine beiden Hände auf unsern Schultern ruhten. Sobald nun etwas falsch gemacht wurde, schlug seine Hand mehr oder weniger hart auf die Wange in ihrer Nähe, und so sollten wir richtig und schön übersetzen, während wir fortwährend in Angst vor einem plötzlichen Schlage schwebten. Alles wurde mit Schlägen bestraft. Jede Kleinigkeit, jedes Vergessen, Zuspätkommen oder Offenlassen der Tür kostete soundso viel Schläge. Diese wurden nicht etwa sofort erteilt, sondern angeschrieben. Es wurde richtig Buch darüber geführt, und am Sonnabend war Zahltag. Dann stellte der Unmensch das eine Bein auf einen Stuhl, nahm einen nach dem andern vor und legte ihn über das hochgestellte Bein und streichelte längere Zeit den sonst zum Sitzen dienenden Körperteil, bis dann unerwartet ein derber Schlag erfolgte, sei es mit der Hand oder einem geeigneten Stück Holz. Diese Exekution hieß das Überlegen. Wir hielten das Wort für den in der Welt dafür üblichen Terminus technicus und ich fand einen Trost darin, daß der verhaßte Brauch schon bei den Römern bestanden haben müsse, denn ich fand im lateinischen Vokabularium »überlegen consultare.« Wieder einmal stand der Sonnabend bevor, und ein langes Sündenregister harrte der Erledigung. In unserer Angst wandten wir uns an die »lieben Mädchen« und baten um ihre Fürsprache. Sie erschienen denn auch in corpore vor dem Tyrannen und baten ihn, uns die Strafe zu erlassen. »Ein Erlassen der Strafe, meine Damen, ist unmöglich,« sprach er, »aber wenn Sie die Schläge auf sich [32] nehmen wollen, so können die Buben ausgehen.« Die guten Mädchen erklärten sich dazu bereit, wohl in der Meinung, daß es nicht so schlimm werden würde. Und wirklich vollzog er an ihnen vor unsern Augen dieselbe Prozedur, die wir so oft erlitten hatten, nur daß die Mädchen nicht aufs Knie gehoben wurden, sondern auf dem Boden stehend sich darüberbeugen mußten, auch die Schläge vorwiegend auf Schultern und Rücken appliziert wurden. Ich hatte den Eindruck, daß er gelinde dabei verfuhr; meine Brüder aber behaupteten, er habe die Mädchen ebenso stark geschlagen wie uns, ausgenommen eine, mit der es eine besondere Bewandtnis hatte.

Es war nämlich damals bei uns ein Mädchen, Ottilie M. aus U., welche sich nicht durch besondere Schönheit, aber durch Munterkeit und einen eigentümlichen Liebreiz auszeichnete. Sie war, wenn ich so sagen darf, meine erste Flamme. Denn Emil C. aus Barmen, der eine Reihe von Jahren mit uns erzogen wurde und natürlich mein Busenfreund war, hatte mir, dem achtjährigen Knaben, unter andern Dummheiten die Meinung beigebracht, daß es Zeit sei, uns eine Geliebte anzuschaffen. Dies leuchtete auch mir ein, und wir wählten unter den zehn Jahre älteren Mädchen zwei aus, die wir dann durch allerlei Ritterdienste auszeichneten. Seine Dulzinea hieß Pauline M., die meine war jene Ottilie M. Die Mädchen ließen sich diesen Scherz gefallen und erklärten lachend, daß sie sich ein Brett über den Kopf binden wollten, um nicht weiterzuwachsen, bis wir ihnen an Größe gleich sein und sie heiraten würden. Emil und ich trieben die Albernheit so weit, daß wir Liebesbriefchen verfaßten und sie in der Kirche zwischen das Holzwerk der Pulte steckten, an denen die Mädchen zu sitzen pflegten. Zum Glück hat nie jemand die Sache entdeckt, auch beseitigten wir die Papierchen bald wieder aus Furcht vor der Mutter, welche in allem, was die Religion betraf, keinen Spaß verstand. Diese Liebelei entsprang bei Emil offenbar nur aus dem Wunsche, alle seine Barmer Straßenjungenstreiche auch in unser unschuldiges Oberdreis zu verpflanzen. Bei mir ging die Sache doch etwas tiefer. Noch heute steht das liebliche Mädchen mit dem unbedeutenden, süßen Gesichtchen lebendig vor meinen Augen, und es ist mir so, als wenn alle meine späteren Lieben [33] eine gewisse Familienähnlichkeit mit dieser ersten gehabt hätten. Jedenfalls habe ich durch sie schon die Qualen der Eifersucht durchkosten müssen. Der Kandidat Christ, der sie schon damals weniger als die andern geschlagen haben sollte, fand zu meinem Verdruß ein unverkennbares Wohlgefallen an ihr. Er verließ uns schon nach sechs Wochen, kehrte aber öfter zum Besuche bei uns ein, verlobte sich auf einem solchen mit Ottilie öffentlich und hat sie denn auch später richtig sitzen lassen. Sie ist unverheiratet geblieben bis auf den heutigen Tag.

Nachträglich hätte ich hier noch eines Unfalles zu gedenken, der mich im September 1855 traf und sich, solange ich lebe, wohl immer wieder neu in Erinnerung bringen wird. Wir hatten unter anderm ein Feldbett, welches durch schrägstehende Eisenstangen festgehakt wurde. Hier spielten wir eines Tages. Mein Bruder Werner, mit den Füßen auf der Erde und den Händen auf dem Bette, bot uns seinen Rücken zum Daraufspringen dar, worauf er uns nach der Seite abschüttelte. Hierbei fiel ich mit der linken Seite auf eine der eingehakten Eisenstangen. Der Schmerz war nicht groß und ging in ein paar Tagen vorüber, und es war nur als Scherz gemeint und wurde auch als solcher aufgefaßt, wenn ich am andern Morgen beim Frühstück erklärte: »Ich glaube, ich habe eine Rippe zerbrochen.« Das war etwa am Montag. Am Freitag kehrten die Schmerzen wieder, doch konnte ich noch mit nach Neitzert zu einer Hochzeit gehen und dort auf einen Pflaumenbaum klettern. Am folgenden Tage fand es meine Mutter doch für geraten, mit mir nach dem eineinhalb Stunden entfernten Altenkirchen zum Arzte zu gehen. Als solcher lebte damals in Altenkirchen Doktor Arnoldi, ein außerordentlich sanfter und ruhiger Mann, der sich von unserm Kreisphysikus in Dierdorf sehr vorteilhaft unterschied und mit Recht das allgemeine Vertrauen genoß. Dieser erklärte, daß wirklich eine Rippe zerbrochen und schon eine Herzerweiterung entstanden sei. Er verschrieb Salbe zum Einreiben und Tropfen zum Einnehmen, zur Verwunderung meiner Mutter, der es noch nicht vorgekommen war, daß man einem Kinde Tropfen gab. Wir kamen glücklich nach Hause zurück, aber in der Nacht wurde es sehr schlimm. Ich hatte hohes Fieber und große Schmerzen, welche nur dadurch [34] erträglicher wurden, daß meine Mutter, die bei mir wachte, ihre Hand gegen meine Seite hielt. Mehrere Wochen lag ich, während es erst allmählich besser wurde, von den Brüdern getrennt in einem unteren Zimmer zu Bett. In der Nacht zum 14. Oktober 1855 werde ich durch ein Geräusch geweckt, welches aus dem Nebenzimmer kommt. Ein Kommen und Gehen, mancherlei Stimmen, zuletzt das Geschrei eines Kindes. Ich rufe hinüber, und Papa erscheint und beruhigt mich durch die Erzählung, daß in der stürmischen und regnerischen Nacht fremde Leute mit einem kleinen Kinde angekommen seien und um Nachtquartier gebeten hätten. Das kleine Kind, welches in dieser Nacht angekommen war und den Abschluß der Familie bilden sollte, war meine Schwester Elisabeth. Bald darauf war ich so weit hergestellt, daß meine Brüder sich vor den kleinen Wagen spannten, der zu unsern Spielen diente und mich mit aller Sorgfalt nach Altenkirchen zum Arzt und wieder zurückfuhren. Noch jahrelang fühlte ich Stiche in der Nähe des Herzens, und das Turnen war mir verboten. Später konnte ich mich allen körperlichen Übungen nach Herzenslust hingeben, aber selbst jetzt noch stellen sich zuweilen unbehagliche Gefühle am Herzen ein, man nimmt an, daß sie von einem Nerven herrühren, der unrichtig eingeheilt ist.

Nach dem Weggange des Kandidaten Christ entschloß man sich, lieber einen Elementarlehrer anzunehmen, der gerade zu haben war, als daß man abermals längere Zeit ohne Lehrer bliebe, und so trat, wenn auch nur zur Aushilfe und für kurze Zeit, Herr Remy aus Maxsayn bei uns ein. Wir waren geneigt, ihn als Elementarlehrer und wegen seiner kleinen Gestalt nicht für recht voll zu nehmen, fühlten aber sehr bald durch, daß wir an ihm einen methodisch erfahrenen und gewissenhaften Mann gewonnen hatten, dessen Unterrichtsstunden interessant und lehrreich waren und gar sehr gegen das wüste Treiben des Kandidaten Christ abstachen. Leider konnte er nur sechs Wochen bleiben, lud uns aber freundlich ein, ihn in dem fünf Stunden entfernten Maxsayn zu besuchen. Dorthin wanderten wir denn auch in den folgenden Weihnachtsferien und wurden in dem einfachen ländlichen Hause von Herrn Remy, seiner Mutter und sei nen Brüdern freundlich aufgenommen. Eines Abends setzte sich Herr Remy mit [35] einigen Freunden zum Kartenspiel nieder, während wir zusahen. Dies brachte mich in große Gewissensnot. Von der Mutter hatte ich gelernt, daß Kartenspielen Teufelswerk sei, und als ich eines Tages ein mir geschenktes, abgenutztes Kartenspiel nach Hause brachte, hatte ich dieses sogleich ins Feuer werfen müssen. Was sollte ich jetzt tun? Ich ging hinaus und überlegte lange bei mir, ob ich aus Achtung vor dem geliebten Lehrer schweigen oder ob ich der Gesellschaft die Gottlosigkeit ihres Tuns vorhalten sollte. Zum Glück entschied ich mich für das erstere.

Herr Remy hatte uns verlassen, und wir waren wieder einmal verwaist. Da erschien eines Nachmittags bei uns ein Mann, der nichts auf der Welt sein eigen nannte, als den Anzug auf seinem Leibe, eine Brille, eine Schnupftabaksdose und sechs große baumwollene Taschentücher. Seine Sprache klang fremdartig und wurde erst nach einiger Gewöhnung verständlich. Er hieß Kaiser und stammte aus Bayern, wo er in einem Kloster zu Donauwörth Mönch gewesen war. Von dort war er, ich weiß es nicht recht warum, entflohen und hatte sich nach Koblenz gewandt, wo man wußte, daß wir einen Lehrer suchten und den von allen Mitteln Entblößten zu uns sandte. Er kam wie gerufen und wurde sogleich als unser Lehrer engagiert. Wir haben diese Wahl nie bereut. Kaiser nahm sich mit aller Treue unserer an. Er konnte gut Latein, und auch das Griechische, welches ich bei ihm begann, war ihm, von den Akzenten abgesehen, hinreichend vertraut. Seine starke Seite aber war die Musik. Er komponierte und transponierte mit Leichtigkeit, spielte ausgezeichnet Violine und Klavier und sang, indem er sich selbst begleitete, mit einer herrlichen Tenorstimme. Unvergeßlich ist mir, wie er das »Groß ist Jehova, der Herr« oder die »Junge Nonne« zu singen pflegte. Aber auch uns wußte er in der Musik heranzubilden. Er gliederte uns zu einer vierstimmigen Kapelle, indem ich den Sopran, Johannes den Alt, Werner den Tenor und Emil Kleff den Baß sang. Mit unermüdlichem Fleiße legte er für jede Stimme ein besonderes Heft an, und bald füllte sich dasselbe mit den lieblichsten Liedern, welche wir unter seiner Leitung einübten und bei jeder Gelegenheit vortrugen. Mochten wir Besuch empfangen oder in der Umgegend abstatten, immer und [36] überall begleiteten uns die geliebten Lieder und erfreuten die Herzen. Eines Tages waren wir unter Kaisers Führung nach dem drei Stunden entfernten Hachenburg gewandert und waren bei der befreundeten Familie Latsch eingekehrt, welche Bäckerei und Schenkwirtschaft hatten. Dort saß als Stammgast Tag für Tag bei seinem Glase Wein mit geröteter Nase und martialischem Schnurrbarte ein alter Haudegen, der Baron v. Runkel. Wir mußten vor ihm einige Lieder vortragen, welche seine Freude zum Entzücken, das Entzücken schließlich zu einem uns beängstigenden Paroxismus standen. Wie in einem Wutanfalle sprang er auf und rief: »Ihr verdammten Buben, hätte ich doch meinen Säbel hier! Ich wollte, hol' mich der Teufel ...« Hierbei fuchtelte er wild mit den Armen in der Luft herum, die hellen Tränen rollten über das weinselige Angesicht in den grauen Bart und zuletzt packte er den Nächststehenden von uns, es war Johannes, und drückte ihm mit seinem zottigen Schnauzbarte einen Kuß auf den Mund, daß uns allen schauderte, während Johannes hinauslief, sich zu waschen und vor einer halben Stunde nicht wiederkam.

Schon bei früheren Lehrern hatten wir das Klavierspielen angefangen. Doch legten leider die Eltern hierauf keinen besonderen Wert, und wenn die Fingerübungen uns anfingen langweilig zu werden, so waren sie leicht geneigt, uns der Stunden zu entheben. Ich habe dieses oft bereut, wenn ich im späteren Leben nach Musik lechzte und nun mühsam und unzulänglich nachholte, was damals versäumt war. Eine Zeitlang gab Kaiser mir, den er besonders in sein Herz geschlossen hatte, auch Violinstunde. Als ich dabei die Frage, ob man auf der Violine zwei Töne gleichzeitig spielen könne, in die Worte faßte: »Kann man auch einen Diphtongen geigen?« wollte er sich vor Lachen schütteln, erklärte diese Worte für einen echten Witz und erläuterte an ihnen das Wesen des Witzes, welchen er nicht unrichtig als einen Vergleich nicht zu vergleichender Dinge auffaßte.

Während unter Kaiser im Lateinischen bereits die Feldherrn des Cornelius Nepos, ein Miltiades, Themistokles und Alcibiades, ihren Heldenlauf auch vor unsern Augen wiederholten, gab der gefällige Lehrer meiner Bitte nach und lehrte uns auch [37] das Griechische, nachdem ich mir die Buchstaben schon aus Papas griechischem neuen Testamente mit Entzücken angeeignet hatte. Am Karfreitag des Jahres 1856, während ich selbst an den Röteln, der einzigen Kinderkrankheit, welche gehabt zu haben ich mich erinnern kann, schwer daniederlag, vollzog sich in der Oberdreiser Kirche ein wichtiger Akt: In Gegenwart mehrere Geistlichen und einer großen Menge trat Kaiser feierlich zum Protestantismus über. Er verließ uns gegen Ende des Jahres, um sich im Predigerseminar zu Wittenberg auf die Übernahme einer Pfarrstelle vorzubereiten. Noch oft kehrte er in unser Haus, welches ihm zur zweiten Heimat geworden war, zurück und heiratete später die sanfte, aber oft auch launische Emma Kleff, welche früher als Pensionärin, später zur Aushilfe bei meiner Mutter gewesen war. Er zog mit ihr als Pfarrer in ein entlegenes Dorf auf dem Hunsrück.

Es folgten im Jahre 1857 noch zwei weitere Hauslehrer, beide Kandidaten der Theologie zwischen dem ersten und zweiten Examen, welche als solche nur je ein halbes Jahr blieben. Der erste, namens Hirsch, Sohn des Oberleutnants Hirsch in Neuwied, war einer der heitersten Menschen, die mir begegnet sind. Jederzeit, in frohen wie in trüben Zeiten, lag etwas wie Sonnenschein auf seinem ganzen Wesen, wodurch wir uns stark zu ihm hingezogen fühlten. Sein Unterricht war anziehend und fördernd, wie er denn auch wissenschaftlich eine gute Grundlage hatte. Er trug sich mit dem Plane einer Übersetzung des Plautus und hatte dazu schon bedeutende Vorarbeiten gemacht. Später, nachdem er uns schon verlassen, verfiel er dem Fanatismus oder wie man zu sagen pflegt, einer geistlichen Erweckung. Er warf seine Plautusarbeiten ins Feuer und beschloß, nur dem Herrn zu leben. Dieser sollte alle seine Schritte leiten, ihm überließ er auch die Auswahl seiner Gattin. Es wird erzählt, daß er in Dierdorf, wo er später als Pastor war, gelobt habe, die erste, welche ihm eines Morgens begegnen würde, als die vom Herrn für ihn bestimmte anzusehen. Es sei ihm dann die bescheidene und liebliche, durch ihre Rehaugen uns allen wohlbekannte Kindergärtnerin begegnet, und Tatsache ist jedenfalls, daß er diese geheiratet hat. Sie schenkte ihm nach und nach sieben Töchter, während er selbst als [38] Gefängnisprediger in Wesel seiner Neigung zu Bußpredigten freiesten Lauf lassen konnte.

Ehe ich nun unsere Übersiedelung auf das Gymnasium zu Elberfeld berichte, welche dem jungen Leben eine reichere Fülle von Eindrücken zuführen sollte, will ich noch einiger Anregungen gedenken, in welchen ein reiches, flutendes Leben seinen Wellenschlag bis zu dem entlegenen Gestade meiner Heimat ausbreitete.

Die größten Festlichkeiten, welche unser Haus sah, pflegten die Kindtaufen der jüngeren Geschwister zu sein, deren ich mich von Maria an noch sehr wohl erinnere. Dann kam nachmittags eine größere Anzahl von Gästen, namentlich die umwohnenden Pastorsfamilien zu uns; nach der stets im Hause abgehaltenen Taufe versammelte man sich, zwanzig bis dreißig Personen an Zahl, bei Kaffee und Kuchen; und noch spät blieb man bei Wein und Heringssalat zusammen, den meine Mutter vorzüglich zu bereiten und sehr zierlich anzurichten wußte. Regelmäßig wurden auch die Geburtstage gefeiert, an denen man in gehobener Stimmung des Morgens zum gedeckten Geburtstagstisch geführt wurde, wo ein runder Topfkuchen, Rodong (d.h. wohl rotonde) genannt, von kleinen Geschenken umgeben war. Die Zahl der Jahre wurde durch Zuckerstücke, die auf dem Kuchen aufgebaut waren, symbolisch angedeutet. Einem solchen Geburtstagsfeste sah man mit Erwartung entgegen, und ich hatte dann eine erhöhte Furcht, daß ich sterben könnte, ehe mein Geburtstag gewesen sei.

Außer den Geburtstagen waren es die Kirchenfeste, welche gebührend gefeiert wurden. Ein kleines Tannenbäumchen an den vier Adventsonntagen kündete durch ein, zwei, drei und zuletzt vier Lichtlein die große Zeit an. Dann strahlte am heiligen Abend der große Christbaum, den wir nach einem alten Privilegium unter den Tannen des Oberdreiser Berges auswählen durften, und dessen Glaskugeln und Flitterwerk jedes Jahr in vermehrter und verschönerter Menge wieder erschien. Die Klingel ertönte, wir stürmten herein, und der Christbaum strahlte uns entgegen. Es wurde gesungen: Gelobet seist du, Jesus Christ. Die ganze Herrlichkeit steht mir noch heute vor Augen, sobald ich an dies Lied denke. Eine kurze Ansprache auf die Bedeutung des Tages hin, dann ging es an die Geschenke. Zuvor aber wurde noch das [39] an der Seite aufgebaute Krippchen bewundert. Eine nach der Seite offene Kiste war der Stall zu Bethlehem mit Maria, Joseph und dem Kinde, den heiligen drei Königen in orientalischen Prachtgewändern und dem Öchslein und Eslein im Hintergrund. Das Ganze war mit duftigem Moos zierlich verkleidet. Über dem Stalle sah man die Hirten auf dem Felde, und über ihnen schwebten an einem Tannenzweige, durch unsichtbare Fäden gehalten, die Engelchen, welche bei jeder Berührung des Zweiges lebhaft hin- und herflogen. Über dem Ganzen hing ein großer vergoldeter Stern. Am ersten Weihnachtsabend wurde der Christbaum in die Kirche gebracht, welche dann zum Erdrücken voll zu sein pflegte. Die Schulkinder sangen Lieder, erzählten die Weihnachtsgeschichte und wurden dann beschert. Die »lieben Mädchen«, welche gewöhnlich hierzu etwas beisteuerten, durften denn auch die Gaben verteilen. Sie standen mit ihren Körben in einer Reihe, an welcher in langem Zuge die Kinder vorbeidefilierten, wobei ein jedes seinen Anteil an Gebäck und Äpfeln, an Traktätlein, Schreibheften usw. erhielt. Auch die jüdischen Kinder nahmen unbefangen an dieser Feier teil. Die übrigen Jahresfeste hatten ebenfalls ihr angenehmes Beiwerk. Zu Neujahr gab es Brezeln; am Karfreitag wurde gewöhnlich das einzige Mal im Jahr Fisch gegessen; es war ein langer harter, durch Wässern und Kochen erweichter Stockfisch. Zu Ostern wurden dann die gefärbten Ostereier im Garten versteckt und gesucht, und zu Pfingsten fehlte es nicht an frischem Grün, das Haus zu schmücken. In anderer Weise ein Fest war es, wenn alljährlich ein Schwein geschlachtet, oder wenn einmal in drei Jahren der große Weiher von Schlamm gereinigt wurde, wobei die Menge der gefangenen Karpfen der Küche des Pastors zugute kam. Weniger ergiebig als dieser in der Pfarrwiese gelegene große Weiher, aber interessanter für uns war der etwas tiefer mitten im Dorf liegende kleine Weiher. Hier wußten wir uns eine Schiffahrt in unserer Weise zu organisieren, indem wir die Waschbütten des Hausen dort zu Schiffen machten und uns mit Stangen von einer Station zur andern hinstießen.

Um Einkäufe zu machen, ging man früher meist nach Dierdorf, später fast ausschließlich nach dem etwas näheren und auch [40] leistungsfähigeren Altenkirchen. Der rote Hof, mit der befreundeten Gutsbesitzersfamilie Schmidt, lag so entfernt, daß er nur selten, dann aber auch gleich für mehrere Tage besucht wurde. Besonders interessant waren die Besuche bei der Familie Freudenberg, welche auf der Raubacher Hütte einen Hochofen betrieb. Das Schmelzen der Eisensteine, das Herauszerren der glühenden Schlacken und endlich das Ablassen des flüssigen Eisens waren Anblicke, die für uns einzig dastanden. Auch war dort ein künstlicher Teich mit Badehäuschen, ein Garten mit schönen Laubengängen und ferner fehlte es nicht an einer guten Bewirtung. Von den Söhnen waren drei, Adolf, Philipp und Franz, mit uns ungefähr in gleichem Alter. Wir spielten gern mit ihnen, wenn sich auch von ihrer Seite ein gewisser städtischer Übermut uns gegenüber leise durchfühlen ließ. Einen dieser Spielkameraden, Philipp Freudenberg, habe ich 1893 in Kolombo auf Ceylon als deutschen Konsul und reichen Kokosölfabrikanten wiedergefunden. Ich habe mit meiner Frau in seinem gastlichen Hause einige sehr angenehme Tage verbracht. Wir rechneten aus, daß wir uns seit 1853, also gerade vierzig Jahre, nicht mehr gesehen hatten. Die Charakterzüge des Knaben hatten sich in dem Mann mit merkwürdiger Treue erhalten.

Ganz anderer Art waren unsere Beziehungen zur Familie des Gutsbesitzers Schindler in Schöneberg. Unter der Behauptung, mit uns noch entfernt verwandt zu sein, hatte diese Familie einen Verkehr mit uns angeknüpft, und dieser blieb, so wenig wir auch zueinander paßten. Der alte Schindler war ebenso reich wie er geizig war. Mit seinem Vater lebte er infolge von Erbschaftsstreitigkeiten in bitterer Feindschaft. Der Alte hatte sich von ihm getrennt, ein reizendes kleines Häuschen für sich gebaut und auf seine alten Tage ein junges Bauernmädchen aus Oberdreis geheiratet. Anders sah es bei dem hundert Schritt weit davon wohnenden Sohne aus. Er betrieb Landwirtschaft, Viehhandel, Jagd, Fischfang und lieh Gelder auf Zinsen. Überall im Hause trat einem der schmutzigste Geiz entgegen. Die Frau war ein Nonplusultra von Häßlichkeit. Drei Töchter, Ida, Amanda und Sidonia, hatten nichts Schönes außer ihren Namen. Wir nannten sie die drei Grazien. Von Natur und mehr noch durch [41] Erziehung vernachlässigt, klein, unentwickelt und häßlich, waren sie ein ständiger Gegenstand heimlichen Spottes. Alles erschrak, wenn sie eines Sonntagmorgens auf dem Berge sichtbar wurden, um bei uns zur Kirche zu gehen – mit dem Pastor ihres Orts waren sie zerfallen – und den Tag mit uns zu verbringen. Oft nahmen wir uns vor, den Verkehr abzubrechen, aber immer wieder verlockte uns ein schöner Tag, den anmutigen Weg nach Schöneberg einzuschlagen. Unterwegs wurden dann regelmäßig den neu kommenden »lieben Mädchen« Wunderdinge von der Schönheit der drei Grazien aufgebunden, und wenn wir dann ihre Enttäuschung sahen, so war aus dem Lachen gar nicht wieder herauszukommen, und wir mußten allerlei erfinden, um nur unsere lachlustige Stimmung zu motivieren. Außer den drei Töchtern war ein jüngerer Sohn vorhanden, aus dem wohl etwas hätte werden können. Ich sage dies nicht, weil er als kleiner Bengel eines Tages in dem am Hause vorbeifließenden Wiedbach einen Krebs fing und denselben vor unsern Augen lebendig mit Haut und Haar herunterfraß, sondern weil er auch in der Schule gute Anlagen bekundete. Ich, damals schon Student, setzte dem Vater hart zu, dem Sohne eine gute Schulbildung zu geben. Aber das mochte der alte Geizhammel an den einzigen Sohn nicht wenden. Nur eine Sprache wollte er ihn lernen lassen, das Hebräische, damit er beim Viehhandel auf dem Steimeler Markt die Juden unbemerkt in ihren Zwiegesprächen belauschen könnte. Dort, in Steimeln, auf dem Markte war der Alte ein selten fehlender Gast. Oben im Honoratiorenstübchen, wo man ein Glas Bier trank, saß er abseits von der gemeinschaftlichen Tafel, und ich setzte mich dann wohl neben den Herrn Vetter, wie wir uns gegenseitig titulierten, und entsetzte mich, wenn er sein Zigarrenetui öffnete, in welchem ein äußerst unappetitliches Assortiment angerauchter Zigarrenstummel sorgfältig aufbewahrt zu werden pflegte.

Nur selten kamen wir als Kinder nach dem fünf Stunden entfernten Neuwied. Doch erinnere ich mich, wie eines Tages in Geschäften mit dem Leiterwagen dorthin gefahren, bei Pfennig im Nassauer Hof übernachtet und am andern Tage die Heimreise angetreten wurde. Jeder von uns hatte als Taschengeld 18 Pfennig mit auf die Reise bekommen. Ich bewahrte meine[42] sechs Dreier in einem abgelegten Streichholzdöschen und machte mir über die Verwendung viele Gedanken. In Neuwied war am Morgen nach der Ankunft mein erster Gang nach einer Spielwarenhandlung. Die Verkäuferin zeigte mir mancherlei vor, aber immer waren die Preise unerschwinglich. Besonders stach mir ein Döschen in die Augen, aus welchem man eine glitzernde Schlange hervorziehen und ebenso wieder zurückbringen konnte. Wie entzückend! Aber fünf Groschen! Wo sollten die herkommen? Allerlei wurde noch gezeigt. Immer war es zu teuer. Zuletzt fragte ich verzweifelt: »Haben Sie denn nichts, was achtzehn Pfennig kostet?« Da holte sie einen hölzernen Hampelmann hervor. Diesen kaufte ich, hatte freilich nicht lange Freude daran. Schon auf der Rückfahrt rissen die Fäden, und Arm und Bein hingen schlaff herab.

Eine große Aufregung in der Oberdreiser Kinderwelt brach aus, als eines Tages in Oberdreis ein Puppentheater eintraf und beim Gastwirt Born im oberen »Saale« aufgeschlagen wurde. Gedruckte Zettel prangten an Häusern und Ställen, welche noch nie zu solcher Ehre gekommen waren. Heute abend große Vorstellung: Alexander von Pavia. Entree ein Groschen. Alles strömte hin, auch wir erhielten mit Mühe Erlaubnis dazu. Da saßen wir vor dem gemalten Vorhang. Aufmerksam betrachtete ich das Bild auf ihm und glaubte schon, das sei alles, was wir zu sehen bekommen würden, da klingelt es, wie durch Zauberhände rollt sich der Vorhang nach oben zusammen, und wer beschreibt mein Entzücken über das, was ich sah. Das Prunkzimmer eines Königspalastes mit Türen, Fenstern und Hausgerät zeigte sich, und da stand leibhaftig auf dem Boden ein kleiner Mann in kostbarem Gewande und links und rechts zwei andere neben ihm, alle drei von oben an unsichtbaren Fäden gehalten. Es war Alexander von Pavia selbst. Er drehte den Kopf, er hob die Arme, er sprach zu seinen Gefährten und erhielt Antwort, und zuletzt stolzierten ab, indem sie mit großem Anstand die Beine hoben. Und dann erst die Fürstinnen in ihren kostbaren Gewändern und der böse Golo und sein drolliger Diener Bimpel. Die Freude an diesen Personen und ihren Schicksalen wurde noch überboten durch das, was der folgende Tag bot. Es wurde [43] Genovefa gespielt. Das Schloß des ersten Aktes hatte sich unbegreiflicherweise im zweiten Akte in einen dunkeln schauerlichen Wald verwandelt. Hierhin folgten wir der unglücklichen Gräfin, sahen ihre Hirschkuh über die Bühne hinken, sahen im weiteren Verlaufe den Teufel mit Hörnern und Klauen, den Tod als schauerliches Knochengerippe erscheinen und freuten uns, daß zuletzt die Tugend siegte und das Laster seine Strafe fand. – Leider zog das kleine Theater nach wenigen Tagen wieder weiter, aber noch wochenlang blickte ich von der alten Mauer am großen Birnbaume sehnsüchtig nach dem Fenster hin, wo man vordem die Puppen und ihre Kostüme hatte liegen sehen können. Jetzt ging ich daran, aus einer alten Kiste mit Drähten und Tapetenstreifen selbst ein Theater herzustellen. Wie groß war unsere Freude, als es uns schließlich gelang, auch einen Vorhang zu konstruieren, welcher sich durch Ziehen an einer Schnur mit Leichtigkeit hob und senkte. Jetzt konnte gespielt werden. Die Stücke hatten wir im Kopf, und die Figuren stellten wir aus Bilderbogen durch Aufkleben und Ausschneiden her. Auch ihre Glieder konnten sie leidlich gut bewegen und mußten sich nur hüten, dem Publikum ihre Rückseite zu zeigen.

Ich war etwa acht Jahre alt, als Pava uns mit sich auf die Koblenzer Messe nahm. Den ersten Tag marschierten wir nach Neuwied und stiegen bei Pfennig ab. Am andern Morgen um 6 Uhr sollte uns der Dampfer nach Koblenz führen. Im Hotel konnten wir erst spät aufbrechen, weil ein Herr sich noch die Stiefel wichsen ließ, ehe man uns abfertigte. Eiligst ging es nun zum Rhein; da lag schon fauchend und zischend der Dampfer, aber wie wir eben die Landungsbrücke betreten wollten, fuhr er vor unserer Nase ab. Mein Vater war höchst aufgebracht, und sein Zorn war um so größer, als er den Mann mit den geputzten Stiefeln behaglich am Rhein auf und ab spazieren sah. Jetzt mußte die kleine Gesellschaft zwei Stunden weit auf einer langweiligen Chaussee bis Engers marschieren und fuhr dann mit dem Lokaldampfer nach Koblenz. Am Nachmittag strich mein Vater mit uns dreien über die Messe. Da gab es viel zu sehen, und während ich noch dastand, durch irgendeinen Anblick gefesselt, waren Vater und Brüder verschwunden. Vergebens [44] suchte ich nach ihnen, die Angst ergriff mich, und ich wußte nicht, was zu tun war. Da entdeckte mich eine Dame, die meinen Vater und uns im Hotel gesehen hatte, und führte mich wohlbehalten wieder dorthin. Am Abend kam das Beste: Papa nahm uns mit in die Schaubude von Rudolf Knie. Da gab es Seiltänzer, Jongleure und andere Artisten in Fülle. Diese Eindrücke versüßten mir die beschwerliche Wanderung von Valendar über Isenburg, welche uns Papa auf dem Rückwege zumutete, und zu Hause angelangt, versuchte ich in den nächsten Tagen nicht ohne Erfolg, einige der gesehenen Kunststücke nachzumachen. Immer größer wurde mein Wohlgefallen an dergleichen. Schließlich konnte ich nicht länger schweigen, ich nahm unsern Lehrer – es war noch Herr Hoffmann – beiseite und vertraute ihm, daß ich jetzt über meinen künftigen Beruf im klaren sei und ein Seiltänzer werden wolle. Der verständige Mann verlachte mich nicht, sondern setzte mir ernsthaft und umständlich auseinander, wie man hierzu schon in frühester Jugend angeleitet werden müsse. »Für dich«, so schloß er seine Rede, »ist es zu spät. Du bist schon acht Jahre alt, und ein Seiltänzer muß mit fünf Jahren anfangen.« Und so stand ich da mit dem wehmütigen Bewußtsein, meinen eigentlichen Beruf in der Welt schon so früh für immer verfehlt zu haben.

Unsere erste selbständige Reise unternahmen wir drei Brüder, Johannes, Werner und Paul, im Herbste 1856. Die Großmutter in Wevelinghoven hatte fünf Taler geschickt mit der Bestimmung, daß die drei Enkel sie damit besuchen sollten. So wurden denn drei Ränzel gepackt, und wir machten uns mit Proviant und guten Ratschlägen reichlich versehen auf den Weg. Ich hatte gefürchtet, daß das Reisegeld einem der beiden älteren Brüder eingehändigt und ich dadurch in eine gewisse Abhängigkeit von ihm versetzt werden möchte. Wie groß war daher meine Freude, als Papa beim Abschiede jedem einen Taler und zwanzig Groschen auszahlte. Mit frohem Selbstgefühl wanderten wir drei kleinen Burschen in die unbekannte, lockende Ferne hinaus. Als uns jemand begegnete und fragte: Nun, wollt ihr auf Reise gehen? Da antwortete Johannes: »Ja, und auf eigene Faust.« Und dabei hob er seine kleine Hand und ballte sie zur Faust. Den [45] ersten Tag ging es bis Anhausen, wo wir bei Pastor Bringmann übernachteten. Am andern Tage wanderten wir in herrlicher Morgenfrühe nach dem zwei Stunden weit entfernten Neuwied und von hier trug uns der Dampfer nach Köln, wo wir gegen Mittag wohlbehalten eintrafen. Zunächst wandten wir uns nach dem Neußer Bahnhof, welcher damals eine viertel Stunde von der Stadt entfernt im freien Felde lag. Dort mußten wir erfahren, daß ein Zug erst nach mehreren Stunden fahren würde, keine vierte Klasse haben und es in der dritten bis Neuß dreizehn Groschen für jeden kosten würde. Das war denn doch zuviel für unser kleines Budget. Wir kehrten nach der Stadt zurück und fuhren nachmittags um vier Uhr in einem Omnibus, eingepökelt wie die Heringe, für vier Groschen nach Stommel. Von hier waren noch drei Stunden zu Fuß zurückzulegen, und so trafen wir erst am späten Abend bei der Großmutter ein. In den Häusern der Großmutter und zweier Onkel, von denen der eine Buchbinder, der andere Gerber war, fanden wir gastliche Aufnahme. Besonders interessierte mich die Buchbinderei. Ein alter Phädrus, den ich im Ranzen mit mir führte, wurde vor meinen Augen neu gebunden. Das Heften, Beschneiden und Bekleben hatte ich bald abgesehen und beschloß es zu Hause nachzumachen. In der Tat wurde es weiterhin die Lieblingsbeschäftigung meiner Freistunden, Bücher einzubinden, und ich bewahre noch einen von mir selbst leidlich gebundenen Cornelius Nepos. Fehlte es an ungebundenen Büchern, so wurden alte Einbände abgerissen und das Buch neu gebunden. Mitunter blieb ich auch in der Arbeit stecken, und mein Vater hat es mir bis in die spätesten Zeiten noch vorgeworfen, daß ich sein altes, dickes lateinisches Wörterbuch von Lünemann in einzelne Bogen aufgelöst, aber nicht wieder zusammengebunden habe. Aus der Heimat der Mutter ging es dann in die des Vaters. Unsere Wohnung nahmen wir beim Onkel Wilhelm Heinrich in Jüchen. Hier schliefen wir alle drei in dem großen Bette des Zimmers mit den Goldtapeten und dem Wunderschrank, von welchem der Onkel jeden Morgen beim Wecken drei der schönsten Äpfel zu uns herunterrollen ließ. Von Jüchen aus machten wir unsere Besuche in der Umgegend, vor allem in dem eine Viertelstunde entfernten Kelzenberg, wo die [46] alte Großmutter noch lebte, ebenso wie ihre drei Söhne, die als engherzige Bauern uns nicht nähertraten; nur der Onkel Heinrich machte eine rühmliche Ausnahme. Sein Haus in Jüchen betraten wir stets wie eine zweite Heimat und verließen es nie, ohne von ihm reichlich beschenkt zu werden. So nahm er sich schon bei unserm Besuche 1856 unserer mit großem Interesse an, und es war schon die Rede davon, daß wir durch seine Mithilfe unser Reiseprogramm dahin erweitern sollten, auch noch die Verwandten in Elberfeld zu besuchen. Freilich kam ein unliebsames Ereignis dazwischen. Unser alter Schulkamerad, Christian Schmidt, der in Oberdreis mehrere Jahre hindurch den Unterricht unserer Hauslehrer teilweise mitgenossen hatte, war Elementarlehrer in dem eine Stunde von Jüchen entfernten Schelsen geworden. Onkel Wilhelm Heinrich erlaubte uns, Christian auf einen Nachmittag zu besuchen. Dieser nötigte uns, die Nacht zu bleiben, indem wir alle vier in seinem geräumigen Bette schliefen. Drei lagen parallel und der vierte quer am Fußende. Unser Ausbleiben erfüllte den guten Onkel mit Sorge, und als wir am andern Morgen wieder eintrafen, hielt er uns eine gewaltige Strafpredigt und blieb auch nachher in ziemlich übler Laune. Keiner wagte es unter diesen Umständen noch von der Tour nach Elberfeld zu reden. Wie groß war daher unsere Freude, als der Onkel selbst einige Tage darauf beschloß, uns nach Elberfeld reisen zu lassen. Er begleitete uns selbst bis Düsseldorf, und drückte uns die Billetts nach Elberfeld und dazu noch jedem einen Taler in die Hand und verließ uns erst, nachdem er uns in ein Kupee gesetzt und dem Schutze eines Mitreisenden anempfohlen hatte. So gelangten wir nach Elberfeld, und hier ging uns eine neue, nie gekannte Welt auf. Die hohen glänzenden Häuser und Läden, die breiten verkehrsreichen Straßen, das reichere Leben im Hause der dortigen Verwandten, das alles übte auf unsere unverwöhnten Gemüter einen mächtigen Zauber aus. Unser Besuch galt vor allem den Geschwistern Brüning, einem Onkel und vier Tanten, welche, damals noch sämtlich unverheiratet, ein bedeutendes Betten- und Leinengeschäft betrieben. Auch dieses Haus kann ich als eine wirkliche Heimat betrachten. Die Seele des Ganzen, gleichsam das Ministerium des Äußern und Innern[47] waren Elise und Marie. Während die andern Geschwister teils sich verheirateten, teils frühzeitig verstarben, sind die genannten beiden von bleibendem und wertvollem Einflusse auf meine Entwicklung geblieben. Elise zeichnete sich durch einen klaren, kalten Verstand aus, der mich öfter anleitete, die Konsequenzen zu ziehen, wenn ich ratlos und zaudernd stand. Sie war es, welche mir Herbst 1866, als ich mit der Theologie zerfallen von Tübingen nach Bonn zurückkehrte, den Entschluß einflößte, trotz des entgegenstehenden Wunsches der Eltern mich in der philosophischen Fakultät immatrikulieren zu lassen. Im Gegensatze zu ihr war Marie Brüning ganz Gemüt, ganz Herz, ganz Hausmütterchen und hat es an mir bewiesen von dem Tage an, wo sie mich zu Oberdreis als fünfjährigen Knaben in der Badewanne abseifte, bis zu Zeiten, wo wir dieser und anderer Jugenderinnerungen mit fröhlichem Lachen zu gedenken pflegten. Von Brünings aus machten wir unsern Besuch 1856 bei Onkel und Tante Schnabel. Wir wurden hereingeführt und blieben bescheiden an der Tür stehen. Niemand war im Zimmer außer zwei Knaben, welche in der entgegengesetzten Ecke des Zimmers spielten. Sie blickten auf, und der eine fragte den andern: »Kennst du die?« – »Nee«, war die Antwort. – »Ich auch nich«, sagte der erste wieder, und damit wandten sie sich wieder ihrem Spiele zu, ohne von uns weiter Notiz zu nehmen. Es waren Ernst und Moritz Schnabel, der erste mein Busenfreund bis zu seinem frühen Tode, der andere noch gegenwärtig Chef der von seinem Vater ererbten Vertretungen englischer Häuser. Endlich kam der älteste Sohn Heinrich dazu und vermittelte die Bekanntschaft, da er schon vorher zur Stärkung seiner Gesundheit einige Monate in Oberdreis zugebracht hatte. Er war von den drei Söhnen der am wenigsten begabte und hat es doch am weitesten in der Welt gebracht.

Von Elberfeld kehrten wir reich an schönen Erinnerungen auf unser stilles Dorf zurück. Im Laufe des folgenden Jahres stellte sich bei dem ewigen Wechsel der Hauslehrer die Notwendigkeit heraus, uns einem Gymnasium zu übergeben, und so wurde beschlossen, uns drei Ältesten zum Herbste 1857 nach Elberfeld zu schicken. Mit Sehnsucht sah ich der Zeit entgegen, wo ich in dem geliebten Elberfeld meinen dauernden Wohnsitz nehmen sollte. [48] Ich zählte die Wochen, die mich noch von der Abreise trennten. Eine der ödesten Stunden in der ganzen Woche war die Kinderlehre am Sonntag in der Kirche. Hier kratzte ich acht Wochen vor der Abreise auf dem Rücken der Bank, hinter welcher ich saß, mit dem Nagel acht Kreise ein und durchkreuzte an jedem Sonntage einen von ihnen. So rückte der Oktober des Jahres 1857 immer näher, und mit ihm der Tag der Abreise. Am Abend legte uns die gute Mutter noch gar vieles ans Herz. Sie schilderte uns die Gefahren der großen Welt und betete, daß der Herr uns vor ihnen behüten möge. Plötzlich stand sie still auf unserm gemeinsamen Gange durch den Garten und sprach: »Und nun, ihr Kinder, versprecht mir noch eines hier vor Gottes offenem Angesicht: daß ihr niemals eine Konditorei besuchen werdet!« – Wir sagten es zu und haben es auch gehalten. Wir haben in den zwei Jahren meines Elberfelder Aufenthaltes keine Konditorei betreten, und noch lange im späteren Leben überlief mich ein Schauer, wenn ich an einer Konditorei vorbeiging.







Deussen, Paul/Mein Leben/Hauslehrer [Philosophie]

Hauslehrer. 1872–1880. Herr Dmitri von Kantschin, der Vater meines ... ... zu werden, wovon schon ein Fall in der Familie vorlag, da Onkel Aretz in Wevelinghoven eine gutgehende Gerberei besaß, die jetzt sein Sohn Friedrich innehat. Die ...

Volltext Philosophie: Deussen, Paul: Mein Leben. Leipzig 1922, S. 151-202.: Hauslehrer



Hauslehrer.

1872–1880.

Herr Dmitri von Kantschin, der Vater meines Zöglings, stammte aus einer vornehmen und reichen Petersburger Familie. Freilich waren seine Brüder noch viel reicher als er, weil sein Vater ihn aus Mißmut über seine Heirat bei der Erbschaft verkürzt hatte. Cet homme, sagte Mme. Kantschin in ihrer drastischen Sprache, wenn sie das Bild ihres Schwiegervaters zeigte, cet homme a volé à mon mari. Sie selbst war nämlich Tochter eines Kosakenoffiziers und damals, wie sie wohl äußerte, diablement jolie gewesen, daher hatte Dmitri gegen den Willen seiner Familie seine Ljuba oder Aimée, wie sie dies französisch übersetzte, geheiratet. Es war eine richtige Liebesheirat gewesen und war, wie dies bei einer solchen so oft der Fall ist, von einem nicht sehr glücklichen und harmonischen Eheleben gefolgt worden. Beide waren im Grunde treffliche Naturen, aber beide, wie Georges sagte, des caractères entiers, daher sie nicht lange zusammen sein konnten, ohne sich aneinander zu reiben. Zum Glück war dieses Zusammensein auf ein paar Monate im Jahr beschränkt, während der übrigen Zeit lebte Dmitri in Petersburg und ging seinen Geschäften nach, während Madame, angeblich, weil sie das Klima Rußlands nicht vertragen konnte, mit Georges und seinen beiden Schwestern, Marianne und Madeleine, meist in der Schweiz lebte. Ein- bis zweimal im Jahre kam dann Monsieur aus Rußland angereist, welches für die Kinder und auch für mich eine festliche Zeit war, denn Monsieur war nicht [153] nur sehr wohlwollend und gutherzig, sondern er hielt auch sehr auf eine gute Küche und noch mehr auf gute Weine. Wenn Madame Kantschin gelegentlich von ihrem Gatten äußerte: »C'est le plus honnête homme, qui ait jamais existée«, so kann ich dies aus langjähriger Erfahrung völlig unterschreiben. Herr von Kantschin hat mir nie Grund gegeben, zu klagen, und wenn wir einmal uneins waren, so beruhte das seinerseits auf redlicher Überzeugung. Sein Charakter kann als eine eigentümliche Verbindung von Scharfsinn und Borniertheit bezeichnet werden. Er disputierte überaus gern und wußte mit großem Geschick die Gründe für seine Ansichten beizubringen, und doch waren diese Ansichten reine Theorie und wurden daher oft von realen Verhältnissen dementiert. Mit Eigensinn verfolgte er seine Pläne und mußte nur zu oft erleben, daß sie scheiterten. In mir fand er ein gefügiges Organ, sogleich zu Anfang, wenn ich es unternahm, Georges in einem Jahre über zwei Jahre, ein verlorenes und ein neues, wegzubringen. Es gelang, und der Erfolg kam mir reichlich zugute; aber erstaunt war ich, als Madame Kantschin die Bemerkung hinwarf: »C'est la seule chose, qui a jamais réussi à mon mari.« In der Tat muß er als mächtiger Großindustrieller manches unternommen haben, welches ganz oder teilweise mißglückte.

Eine ganz andere Natur war Madame Kantschin. Sie muß früher einmal eine Schönheit gewesen sein, hatte aber ein resolutes, etwas rauhes, ja gelegentlich wohl wüstes Wesen; mit dem ihr ausgesetzten Geld für ihre Toilette kam sie nie aus und hatte bei den Pariser Schneiderinnen stets ein starkes Konto zu Buche stehen. »Ich könnte es ja bezahlen,« sagte einst Monsieur zu seinem Sohn, der wieder mir die Sache hinterbrachte, »aber sie würde nur wieder neue Schulden machen, und da ist es besser, daß sie sich mit den alten herumschlägt.« Trotz dieser Ausgaben und trotz der stetig sie begleitenden Kammerfrau erschien Madame Kantschin in der Toilette etwas vernachlässigt. Mit Vorliebe trug sie Schwarz und ihre Haartracht machte ihr wenig Sorge. »On plante une peruque, c'est voilà tout«, sagte sie einmal, und in der Tat erschien sie bald hellblond, bald dunkel, je nach der Perücke, die sie gerade trug. Übrigens war Madame Kantschin [154] im Verkehr lebhaft, exzentrisch, sprach sehr elegant französisch, und war eine der geistreichsten Frauen, die mir im Leben begegnet sind. Sie hatte in jeder Sache ein treffendes Wort bei der Hand und beurteilte die Dinge meist viel richtiger als ihr Gatte. Sie sagte öfter: »L'intelligence est la plus rare monnaie, qui court dans le monde«, war aber auch für Geist, wo sie ihn fand, empfänglich und wußte gelegentlich, wenn wir abends im Salon um sie versammelt waren, ganz reizend zu erzählen. Ihr Leben spielte sich ziemlich gleichmäßig ab. Bis gegen Mittag lag sie in ihrem Bett und las Romane, zum Frühstück erschien sie manchmal gut, manchmal schlimm gelaunt. Das Tischgespräch war lebhaft, und die Kinder sprachen in ihrer Weise mit. Nachmittags unternahm Madame einen längeren Spaziergang, dessen Entfernung sie mit dem Schrittmesser kontrollierte, und zum Diner um 7 Uhr abends hatte sie gewöhnlich einige Gäste, mit denen dann der Abend zugebracht wurde. Waren einmal keine solchen zugegen, so saß sie in ihrem Salon, rauchte Zigaretten und legte für sich Patience, oder erzählte, wenn sie gerade guter Laune war, uns und den Kindern Geschichten. Zigaretten durfte man in ihrer Gegenwart rauchen, aber keine Zigarren. Einmal, während Madame im kleinen Salon saß und ihre Patience legte, war ich mit Monsieur in dem durch eine stets offene Tür damit verbundenen großen Salon beschäftigt, Schach zu spielen. Monsieur ermunterte mich, dazu meine Zigarre anzustecken. Bald aber erscholl aus dem kleinen Salon ein klagender Ruf von Madame: »Je sens ici l'odeur d'un affreux cigare!« Schnell beseitigte ich meine Zigarre und traute mich nun gar nicht mehr zu rauchen, bis Madame am andern Tage voll Güte zu mir sagte: »Allumez votre cigarette, mais pas votre cigare.« Überhaupt war die Behandlung, die man als Erzieher in der Familie genoß, eine sehr gute. An allem nahm man teil und wurde vollkommen von der Familie wie von den Gästen als ebenbürtig behandelt. Am Familientisch wurden alle möglichen Angelegenheiten ohne Scheu in meiner Gegenwart durchgesprochen. Obgleich es mir freistand, an diesen Gesprächen nach Belieben teilzunehmen, so legte ich mir doch in richtiger Beurteilung meiner Lage eine gewisse Zurückhaltung auf und zog es vor, mehr zu beobachten als einzugreifen, [155] mehr zu hören als selbst zu reden. Die Folge dieses Verhaltens war, daß ich mir bald eine sehr genaue Kenntnis meiner Tischgenossen, ihres Charakters, ihrer Neigungen und Interessen erwarb, und es gibt wenig Menschen, die mir so durchsichtig wären, wie Monsieur und Madame Kantschin. Georges war sehr liebenswürdig gegen mich, aber auch sehr verzogen, und ich bin wohl der einzige seiner Lehrer, der durch Liebe und Strenge noch einigermaßen mit ihm fertig werden konnte. Ob ich ihn zu einem tüchtigen Menschen hätte erziehen können, wenn ich freie Hand gehabt hätte, weiß ich nicht, jedenfalls habe ich diese freie Hand schon von vornherein nicht und bis zu Ende nicht gehabt. Denn der Vater legte auf Charaktererziehung keinen Wert, um so höheren darauf, daß der Sohn das Ziel des jedesmaligen Jahres erreichte, und diese Ziele, an deren Erreichung auch ein guter Teil meiner Einnahmen hing, waren so hoch gesteckt, daß man dem Knaben vieles durchgehen lassen mußte, um ihn einigermaßen bei guter Laune für die Arbeit zu erhalten. Die Mutter hatte zuviel, bon sens, um mich nicht prinzipiell zu unterstützen, aber auch nur prinzipiell. Tatsächlich ließ sie mich oft genug im Stich. So war es Regel des Hauses, daß wir bei Tag erscheinen konnten wie wir wollten, zum Diner aber um 7 Uhr abends Toilette machen mußten, wozu eine viertel Stunde vorher geläutet wurde. Dann gab es sehr oft einen kleinen Kampf, bis Georges sich entschloß, sich Hände und Gesicht zu waschen und seinen Anzug zu wechseln. Zuweilen, wenn er dazu gar keine Lust hatte, lief er zu seiner Mutter hinüber, die auf ihrem Diwan lag und einen Roman las, und fragte: »Maman, suis je bien comme ça?« worauf sie dann etwa erwiderte: »Pourquoi pas«, und er, triumphierend über mich, zurückkam. Ein schlimmer Grundsatz des Vaters war, dem Sohne für gute Leistungen Geld, zuviel Geld zu geben, wozu dann oft auch noch mitunter sehr reiche Geschenke von andern kamen. So schenkte ihm ein Bruder seines Vaters, Onkel Paul, bei einem Besuche 500 Franken, allerdings mit der Bedingung, dafür physikalische Apparate anzuschaffen. Nach drei Tagen war das Geld verausgabt und überall standen elektrische Maschinen, Bobinen, Akkumulatoren usw., aber zu einer ernsten Benutzung außer zu Spiel und Mutwillen kam es nicht, bis schließlich ein [156] Stück nach dem andern unbrauchbar wurde und verkam. Ein Umstand, der mir schon in Genf und späterhin mehr und mehr Ungelegenheiten bereitete, war die Vorliebe meines Zöglings für Flinten, Pistolen und Revolver.

Georges sprach sehr gut französisch, welches eigentlich seine Muttersprache war, daneben mangelhaft deutsch, englisch und italienisch, und am wenigsten wohl russisch. Sogleich nach meiner Ankunft in Genf am 20. Oktober 1872 wurde er mir anvertraut; die Familie lebte bis zum Ende des Monats noch in der Pension, und da dort kein Platz mehr war, so wohnte ich mit Georges in dem benachbarten »Hotel de la Paix«. Das Leben in der Pension schien mir unverwöhntem Menschen so üppig, daß ich zweifelte, ob es später bei eigener Wirtschaft ebenso gut sein werde, aber sehr beruhigt war, als ich auf meine Frage an Georges, ob er das Leben in der Pension oder in der Villa mit eigener Haushaltung vorziehe, die Versicherung erhielt, daß das letztere bei weitem angenehmer sei. An ein ernstes Arbeiten war in diesem Provisorium noch nicht zu denken. Es wurde als eine Ferienzeit betrachtet, in der ich mit Georges spazierenging, auf dem See ruderte, vielleicht auch schon, wie später öfter, ein wenig ausritt. Endlich kam der 1. November heran, wir bezogen eine gemietete Villa, und jetzt begann ein mehr geordnetes Leben. Wenn man vom linken Ufer der Rhone aus die letzte der herrlichen Brücken, welche beide Teile der Stadt verbinden, den Pont de la Coulouvrenière, überschreitet, so steigt der Weg links an einem Hügel hinauf und erreicht vorüber an der Brasserie Saint Jean in zehn Minuten die Höhe des Plateau Saint Jean. Hier, wo jetzt leider Mietskasernen stehen, lag, umgeben von herrlichen Parkanlagen, mit freiem Blick auf Alpen und Jura und die Stadt links unten in der Tiefe die Villa Grisi; Madame Grisi, damals eine würdige Dame mit grauen Haaren, war früher eine berühmte Tänzerin gewesen, hatte mit einem Russen in einer Art Ehe gelebt und war von ihm mit einem Töchterchen Denise und der Villa Grisi als Abfindung beschenkt worden. In der Mitte des geräumigen Grundstücks befand sich das etwas altmodische, aber noch gut erhaltene Herrenhaus, welches, vollständig möbliert, nebst dem umgebenden Garten an die Familie Kantschin für 12000 Franken [157] jährlich vermietet war. Jetzt begann ein geregeltes Leben. Des Morgens nach einem vorzüglichen café au lait oder Tee mit allerlei Gebäck und einem kurzen Aufenthalt unter den herrlichen Bäumen des Gartens mit Blicken auf Salève, Voirons und Mole nach der einen, auf die sanfter geformte Kette des Jura nach der andern Seite, begab ich mich mit Georges an die Arbeit; um 12 Uhr war ein sehr gutes déjeuner à la fourchette, um 4 Uhr das gouter, bestehend aus Biskuit und Schokolade, gelegentlich auch aus Tee, und um 7 Uhr abends ein opulentes Diner. Unterbrochen wurde die Arbeit am Nachmittag durch einen Spaziergang mit den drei Kindern zu einem Turnsaal, den wir für eine Stunde täglich gemietet hatten. Nach dem Diner wurde in der Regel nicht mehr gearbeitet, im Winter unterhielten wir uns mit Madame Kantschin und Monsieur, wenn er da war, wie auch mit den geladenen Gästen im Salon, im Sommer waren wir mit Vorliebe im Garten. Auch hier hatte ich durch einen Zimmermann nach meinen Angaben die wichtigsten Turngeräte: Reck, Barren, Leiter, Kletterstange und Springvorrichtung herrichten lassen.

Sobald wir uns häuslich eingerichtet hatten, ging es mit Eifer an die Arbeit. Das Pensum für das Jahr war klar vorgezeichnet und mußte in Lateinisch, Griechisch, Mathematik und Geschichte durchgegangen werden. Zunächst versuchte ich Georges zu unterrichten, wie ich es bei meiner Klasse in Marburg gewohnt war, sah aber ein, daß man mit einem einzelnen Schüler auf anderm Wege weiter vorankommen kann. Ich gab ihm, beständig danebensitzend, irgendeine Arbeit, eine Übersetzung ins Lateinische oder Griechische, eine mathematische Aufgabe, das Durchlesen eines Kapitels der Geschichte, und, wenn er damit fertig war, so ging ich sie mit ihm durch, besprach die Fehler und übte die Regeln ein, oder ich ließ mir das Geschichtspensum von ihm wiedererzählen und knüpfte daran die nötigen Fragen. Als Geschichtsbuch waren in der Schule bis dahin die kleinen, reizenden Bändchen von Duruy, eingeführt gewesen, wurden aber gerade jetzt durch eine, in einzelnen Bänden verfaßte Übersetzung der zweibändigen Weltgeschichte von Georg Weber ersetzt. Warum, so fragte ich gelegentlich einen Lehrer des collège, warum haben Sie ein vorzügliches französisches Buch durch eine mittelmäßige Übersetzung [158] eines mittelmäßigen deutschen Buches ersetzt? Die Antwort war, daß Duruy zu sehr in französischem Geiste geschrieben sei. In der Tat leben die guten Genfer, von drei Seiten von französischem Gebiet umklammert, in beständiger Angst, einmal über Nacht von Frankreich verschluckt zu werden. Zurück zu Georges. Die Hauptsache waren natürlich die alten Sprachen, und hier fand ich meinen Zögling nicht nur, wie erwartet wurde, um ein Jahr zurück, sondern bis in die ersten Elemente hinein vernachlässigt und unsicher. Dabei faßte er zwar leicht und schnell auf, vergaß aber das Gelernte wieder ebenso schnell. Wollte ich unter diesen Umständen zum Ziele kommen, so mußte ich mich auf das Notwendigste beschränken, dieses aber unermüdlich wieder abfragen und durch Beispiele einüben. Ich verfaßte zu diesem Behuf eine ganz knappe lateinische und griechische Grammatik, welche dann die Grundlage aller unserer Übungen wurde. So wurde bald bei diesem flüchtigen Knaben ein beschränktes, aber sicheres Wissen erreicht. Sehr unbequem beim Unterrichte wie im Verkehr mit der Familie war mir meine mangelhafte Beherrschung des Französischen. In diesem Milieu, sagte ich mir, werde ich mich nie à mon aise fühlen, ehe ich ordentlich Französisch kann. Und entschlossen nahm ich meinen Plötz, die Schulgrammatik mit den schönen Übungsstücken vor, und arbeitete ihn von Anfang bis zu Ende teils mündlich, teils schriftlich durch. Georges selbst war liebenswürdig genug, meine Exerzitien durchzusehen. Um mich beim Sprechen seiner Mitwirkung zu versichern, bestimmte ich, daß ich jedesmal, wenn ich einen Fehler, une faute, oder wie ich zuerst sagte, une coulpe, machte, zwei Centimes in eine Kasse zu legen hatte, und noch jetzt klingt mir in den Ohren der von Georges triumphierend mit liebenswürdigem Spotte stereotyp gebrauchte Ausdruck: »faute, coulpe, deux centimes!« Inzwischen wurden diese und ähnliche Rufe immer seltener, und als ich nach zwei Monaten meinen Plötz zu Ende gebracht hatte, konnte ich mir sagen: »Wenn ich jetzt will und mir die nötige Zeit lasse, kann ich fehlerlos Französisch schreiben und auch sprechen.« So kam Neujahr 1873 heran, und es war eine große Genugtuung, als Georges am Neujahrsmorgen bei mir eintrat, mir unter den üblichen Glückwünschen die goldene Uhrkette [159] überreichte, die ich noch heute nach sechsunddreißig Jahren trage, und dazu in deutscher Sprache mit den Worden: »Hier ist auch Ihr Lohn«, mir 300 Franken in dreißig zierlichen Goldstücken einhändigte. Da ich das früher Vereinnahmte für einen neuen Anzug und die Begleichung kleiner Schulden, wie des noch rückständigen Kollegienhonorars, verwendet hatte, so war es wirklich das erstemal in meinem Leben, daß ich frei über Geld verfügte, und am nächsten Morgen trug ich 200 Franken auf die caisse d'épargne und empfing dafür nach längerem Sitzen unter Kutschern, Kellnern und Dienstmädchen mein livre oder Sparkassenbuch.

Im Februar 1873 erfuhr meine erfolgreiche Arbeit mit Georges eine traurige Unterbrechung. Als ich am 6. Februar abends zum Diner herunterkam, lag unter meinem Teller ein Telegramm, ich öffnete und las: Großer Schmerz, Immanuel gestürzt, gleich tot, wir alle beerdigen zu Oberdreis Mittwoch. Ich zog mich nach dem Essen auf mein Zimmer zurück und bald folgte mir Georges, um mich in liebenswürdiger Weise zu trösten. Ich schwankte, ob ich reisen solle. Madame Kantschin stellte es mir frei, aber ich hatte schwere Aufgaben übernommen und eine ganze Woche mußte ausfallen, wenn ich dem Bruder die letzte Ehre erweisen wollte. Endlich entschloß ich mich, und am Montagmorgen begleitete mich Georges bis zum Bahnhof. Ich durchfuhr die Strecke am Genfer See, wo ein milder Winter mich wenig Schnee, wie Zucker ausgestreut, bemerken ließ. Kaum aber war ich über die Höhe bei Chexbres, so änderte sich das Bild. Überall festgefrorener und vereister Boden, durch die Schweiz und das Rheintal hinunter bis nach Neuwied hin, wo ich am Dienstagmorgen eintraf und die so oft gemachte Wanderung durch Schnee und Eis nach Oberdreis unternahm. In Puderbach holten mich die Brüder ab und berichteten den traurigen Fall. Mein Bruder Immanuel, sechs Jahre jünger als ich, war unter uns Brüdern vielleicht der am wenigsten begabte, aber sicher von allen der treueste und gewissenhafteste. Das Lernen fiel ihm schwer, und so entschloß er sich, Gerber zu werden, wovon schon ein Fall in der Familie vorlag, da Onkel Aretz in Wevelinghoven eine gutgehende Gerberei besaß, die jetzt sein Sohn Friedrich innehat. [160] Die übrigen Söhne Julius, Heinrich und Richard sind als Gerber nach Amerika gegangen, haben dort neue Methoden sich angeeignet und sind zum Teil zu großem Reichtum gelangt. Dasselbe hätte meinem Bruder Immanuel blühen können, da man überall, wo er gearbeitet hat, ihn sehr schätzte. Nach Beendigung der Lehre war er auf Wanderschaft gegangen, hatte ein gut Stück Welt in der Schweiz und anderweit gesehen und nahm zur Zeit des Unglücksfalles schon einen höheren Vertrauensposten in einer Gerberei in Barmen ein. Er hatte das Amt des Schließers und wollte an dem dunkeln und kalten Winterabend, liebevoll wie er war, einen Fremden die Treppe hinuntergeleiten, stürzte ab und war sofort tot. Die Brüder hatten ihn von Barmen nach Oberdreis transportiert und ihn in der Kirche aufgebahrt. Auf dem mitten im Dorfe liegenden Kirchhofshügel steht unweit des Kirchturms eine prachtvolle alte Linde; unter ihr hatte man das Grab teils gegraben, teils in die weit sich erstreckenden Wurzeln der Linde hineingesägt. Hier haben wir ihn am Tage nach meiner Ankunft begraben, und drei Tage darauf eilte ich, von den Brüdern geleitet, nach Neuwied, von wo ich nach vierundzwanzigstündiger Fahrt wohlbehalten wieder in Genf eintraf.

Der Winter verlief ohne weitere Zwischenfälle unter fleißiger Arbeit. Zu Ostern erschien Monsieur Kantschin und veranlaßte uns, täglich noch ein paar Stunden mehr auf die Arbeit zu verwenden, wodurch meine freie Zeit auf eine Stunde täglich eingeschränkt wurde, die ich zu Spaziergängen zwischen den hohen Mauern benutzte, welche die Gärten außerhalb Genfs umgeben und die Aussicht auf den See und das Gebirge verdecken. Auf Veranlassung des Vaters besuchte ich einige der späteren Lehrer meines Zöglings und bat sie, uns zu besuchen und ein Examen mit Georges abzuhalten, welches zu unser aller Beruhigung ausfiel. Allmählich fing meine vom theologischen Examen zurückgebliebene Nervosität an zu schwinden. Neben der Arbeit an und mit dem Knaben konnte ich jetzt anfangen, auch für mich selbst zu arbeiten. Und so war es mir möglich, Kants Kritik der reinen Vernunft durchzuarbeiten. In der nächsten Zeit wurden die ersten Bücher von Cicero de finibus und Aristoteles' Metaphysik studiert, daneben arbeitete ich emsig, meist im Garten, mit [161] Georges an der Lektüre der Anabasis und einer Chrestomathie aus Cicero, ließ ihn fleißig lateinische, griechische und mathematische Exerzitien schreiben, und als mit dem Ende des Juni das Aufnahmeexamen für Georges heranrückte, hatte ich die Freude, daß er bestand und als Schüler in die erste Klasse des collège aufgenommen wurde. Für diesen Fall hatte der Vater uns eine Reise in Aussicht gestellt, und bis seine Antwort auf die Nachricht vom bestandenen Examen aus Rußland eintraf, unternahm ich mit Georges eine dreitägige Tour nach Chamonix. Inzwischen waren vom Vater Glückwünsche, die Erlaubnis zu reisen und die Bewilligung eines Reisegeldes von 800 Mark eingetroffen. Mich zog es vor allem nach Italien, und in diesem Sinn suchte ich Georges zu inspirieren. Indes hatte der Vater die heiße Jahreszeit nicht für geeignet zu einer italienischen Reise erklärt, und so veranlaßte ich den Knaben, der in diesen Dingen leicht zu lenken war, seine Wünsche auf England zu richten, wozu das Reisegeld allerdings nur unter besonderen Dispositionen ausreichen konnte, welche ich denn auch zu treffen wußte. Am 4. Juli verließen wir Genf, fuhren den Tag durch bis Basel, die Nacht weiter bis Neuwied und trafen am Abend des 5. in Oberdreis ein. Ich führte die Reisekasse, aber Georges hatte von seiner Mutter 100 Franken extra erhalten. Er benutzte sie, um während der Nachtfahrt an jeder badischen, hessischen und preußischen Grenzstation seinen Barvorrat an der Kasse des Billettschalters jedesmal in die Münze des betreffenden Landes unter erheblicher Reduktion seines Besitzes umzusetzen. Vier Tage blieben wir in Oberdreis, dann verwendeten wir eine Woche zu einer Rheinreise über Neuwied und Königswinter nach Köln und von dort zu den Verwandten nach Jüchen und Elberfeld, um ihnen mich als Bärenführer und das große Interesse erregende Wundertier an meiner Leine vorzustellen. Nach Oberdreis zurückgekehrt verbrachten wir dort fünf weitere Tage. Nachdem wir in dieser Weise längere Zeit unser Reisebudget gespart hatten, war es möglich, die Reise nach dem Lande Shakespeares, auf welches meine Sehnsucht gerichtet war, anzutreten. Von Oberdreis ging es am 20. Juli nach Köln, und dort nahmen wir zwei Retourbilletts der Niederländischen Dampfschiffahrt. Freilich ist die Fahrt durch [162] die niederrheinische Ebene nicht allzu interessant, aber die Nacht durch konnte man schlafen, und am Mittag des folgenden Tages langten wir in Rotterdam an, wo wir vierundzwanzig Stunden Zeit hatten, um die Stadt zu besehen. Ein Seedampfer, der Batavier, fuhr dann direkt von Rotterdam bis Blackwallstation in London, wo wir ausstiegen und in einem Wagen zu einem einfachen Hotel in der City fuhren. Wiederholt mußte der Wagen einige Zeit halten, bis das Knäuel von Fußgängern und Wagen vor uns durch die sachkundige Hand des Policeman entwirrt war. Die nächsten drei Tage waren der Besichtigung von Cristal Palace, Saint Pauls Church und British Museum, Zoologischem Garten und den London Docks gewidmet. Georges war immer bei mir, bis auf wenige Stunden, für die ich ihm unter den besten Empfehlungen Urlaub gab, um im Drurylane Theater ein Shakespearestück zu sehen. Unweit desselben hatte ich einen freien Platz zu überschreiten und war eben in seine Mitte gelangt, als eines der umgebenden Häuser anfing zu brennen. Rauch und bald auch Flammen wirbelten aus den Fenstern des dritten Stocks. Aber unglaublich und nur durch besondere Umstände erklärlich war die Schnelligkeit, mit der das Feuer sich nach den unteren Etagen ausbreitete. In wenigen Minuten war das ganze Haus in Flammen. Ich wandte mich, um ins Theater zu gelangen, aber dazu war keine Möglichkeit mehr, denn ich sah mich von einem undurchdringlichen Knäuel von Menschen umgeben und mußte ausharren, bis er sich verlief. So kehrte ich unverrichteter Sache zum Hotel zurück, wo bald darauf auch Georges eintraf. Auch er wußte von einem grausigen Abenteuer zu berichten, wie in einer der abgelegeneren Straßen ein Mensch ihn gepackt habe mit den Worten: »Now boy give me your watch«, wie er aber den stets in der Brusttasche geführten Revolver gezogen habe, worauf der Räuber die Flucht ergriffen haben soll. Die Sache ist möglich, aber doch wenig wahrscheinlich, und so oft sie auch Georges später im Elternhaus erzählt hat, er fand keinen Glauben, denn man kannte zu sehr seine Neigung zum Aufschneiden. Da wir die Wahl hatten, entweder nach drei oder nach zehn Tagen mit unserm Batavier nach Rotterdam zurückzufahren und zum letzteren der Barvorrat nicht recht ausreichen wollte, so wählten wir das [163] erstere, fuhren am Sonnabend, dem 20. Juli, nach Rotterdam und nun den ganzen Sonntag die lange und langweilige Fahrt den Rhein herauf. In der Nacht zum Montag passierten wir bei Emmerich die deutsche Grenze, und während ich schlief oder doch zu schlafen suchte, war Georges ausgestiegen und hatte sich zum Abschied von Holland in echtem Holländer Schnaps einen kleinen Rausch angetrunken mit dem obligaten Kopfweh hinterher. Am 2. August trafen wir wohlbehalten wieder in Genf ein. Noch einige Tage konnten die Kinder die Ferien genießen und bei der glühenden Sonnenhitze im schattigen Garten mit mir und häufig eintreffenden Gästen Krocket spielen, wobei sehr häufig Streit entstand. Dann begann der Unterricht am colleège, denn es war beschlossen worden, daß Georges in dem bevorstehenden Jahre mit den andern am Unterrichte im collège teilnehmen sollte. Ich hatte ihn am frühen Morgen dorthin zu geleiten, gegen Mittag wieder abzuholen, und ebenso nochmals am Nachmittag, um dann abends von 5 bis 7 Uhr unter meiner Aufsicht ihn die Schulaufgaben anfertigen zu lassen. Gab mir dies willkommene Gelegenheit zu täglich viermal wiederholten Spaziergängen über den Pont de la Coulouvrenière bis in die Nähe des Rathauses, wo das collège lag, so war doch die Aufgabe nicht so ganz einfach, denn Georges erlaubte nicht, daß ich bis an das collège kam, um ihn abzuholen, das würde, so behauptete er, seiner Reputation schaden, und so bedurfte es einiger Schlauheit, ihn immer richtig abzufangen. Im übrigen begann für mich eine goldene Zeit der Muße, denn außer diesen Geschäften gehörte der ganze Tag mir; seit meiner Studentenzeit war das nicht mehr dagewesen, es war mir, als wäre es ein glücklicher Traum. Fleißig las und exzerpierte ich Thucydides, Plutarch und manches andere. Auch an Geld fehlte es mir ja nicht, und so subskribierte ich auf den eben erscheinenden Bilderatlas von Brockhaus und hatte an ihm für mich selbst und mit den Kindern meine große Freude. Aber Wichtigeres bereitete sich unerwartet vor. Aus den Programmen für die eben aus der Akademie umgewandelte Universität, die ich schon um der Zukunft meines Zöglings willen studierte, ersah ich ungesucht und gleichsam zufällig, daß zur Habilitation an der neu entstandenen Universität die Einreichung [164] einer guten Doktordissertation genüge. Bald war der kühne Entschluß gefaßt, auf diesem Wege meine Habilitation zu beantragen und so, schneller als ich es vor Jahresfrist noch zu hoffen wagen durfte, das heißersehnte Ziel einer akademischen Lehrtätigkeit verwirklicht zu sehen. Ich reichte meine Dissertation ein und die Habilitation wurde bewilligt, natürlich nach eingeholter Genehmigung meiner Brotherren, in deren Augen ich durch diesen Schritt erheblich stieg. Aber was sollte ich als Vorlesung ankündigen? Natürlich und vor allem Philosophie oder, wie ich es nannte: éléments de la métaphysique. Daneben wählte ich eine Interpretation von Lukrez und beschloß, an der Universität auch das Studium des Sanskrit, welches von niemandem vertreten wurde, zu begründen. Zwar hatte ich es vor Jahren auf der Universität nur mäßig betrieben, auch seitdem so gut wie ganz liegengelassen, aber soviel durfte ich mir zutrauen, vor Anfängern die Anfangsgründe zu lehren und dabei selbst mich wieder einzuarbeiten, ähnlich wie ich vordem mein bestes Hebräisch durch Unterricht in der Prima und Sekunda des Mindener Gymnasiums erworben hatte. Die Vorlesungen wurden eingesandt und erschienen in dem gedruckten Programm. Inzwischen bereitete ich mich fleißig vor und machte die üblichen Antrittsbesuche bei den Professoren. Die freundliche Aufnahme, welche ich bei ihnen fand, ermutigte mich und half mir über das Bedenken, wie es wohl bei freiem Vortrage mit meinem Französisch gehen werde, hinwegzusehen. Am 27. Oktober 1873 war der für mich große Tag, wo die Vorlesungen begannen. In der Philosophie hatten sich zwölf Zuhörer, darunter zwei Damen, eingefunden, im Sanskrit waren sechs, im Lukrez, für den am wenigsten Bedürfnis war, nur drei Zuhörer eingetroffen. Ich ließ ihn fallen und beschränkte mich auf wöchentlich vier Stunden Philosophie und zwei Stunden Sanskrit. Ich hatte die Genugtuung, daß meine Zuhörer mir das ganze Jahr hindurch treu blieben. Einer der eifrigsten war Paul Oltramare, jetzt Professor an der Universität zu Genf. Stundenlang ging ich täglich in meinem Zimmer auf und ab, Madame Kantschins vierbändiges Wörterbuch von Littré auf dem Tische aufgeschlagen, und durchdachte meine philosophische Vorlesung nach dem Inhalt und nach [165] der besten französischen Form, die ich ihr geben konnte. Dann trat ich bestens vorbereitet vor meine Zuhörer und die Sache ging. Nach Erledigung eines Punktes pflegte ich ein kurzes Resumé in die Feder zu diktieren. Nicht weniger Freude machte mir das Sanskrit; ich fing die Sache praktisch an, meine Zuhörer machten große Fortschritte, die größten ich selbst. Ich nahm meine alten Sanskritbücher wieder vor – es waren ihrer wenig genug: die Sanskritgrammatik von Bopp, Gildemeisters Anthologie, Nala und eine oblonge Cakuntala – und arbeitete mich mit Feuereifer hinein. Von Tag zu Tag machte mir die Beschäftigung mit dieser vornehmen Sprache und mit der wunderbar farbenreichen Literatur größere Freude. Ich fühlte ein unbeschreibliches Glück in dem Gedanken, mein ganzes Leben dem Sanskrit widmen zu können, und warum nicht? War ich doch auf dem besten Wege, mir ein kleines Vermögen zu ersparen, über 2000 Mark waren schon da und sicher angelegt, und was hinderte mich, mit dem nötigen Fleiße einer der ersten im Sanskrit zu werden, etwa so ein Mann, wie es der alte Lassen in Bonn war, und als Sanskritprofessor an irgendeiner Universität meine Befriedigung zu finden, sowohl an der Freude des ins Unendliche vermehrten Wissens wie auch an dem Glanz, mit welchem das Publikum das Seltene, Fernabliegende, Schwierige zu umgeben pflegt. Dann aber zog mich die eben erst übernommene Pflicht zu meinen philosophischen Vorlesungen hin, und ich empfand wiederum ganz die Süßigkeit der Beschäftigung mit der Philosophie und die Unmöglichkeit, jemals von ihr zu lassen. Wie ehemals in meiner ersten Studentenzeit zwischen Theologie und Philologie, so schwankte ich jetzt zwischen Philosophie und Sanskrit wie zwischen zwei Geliebten hin und her, bis mir auf einmal – es war am 14. November 1873 – plötzlich wie durch eine Eingebung von oben der Gedanke kam: Wenn ich nun solche Freude am Sanskrit habe und doch niemals von der Philosophie lassen kann, warum sollte ich nicht die Hütte meines Lebens da bauen, wo beide Linien sich schneiden, und die eben wieder nach zweijähriger Depression neuerwachende Schaffenskraft dem so sehr vernachlässigten und eben darum so lohnenden Studium der indischen Philosophie widmen! Jetzt war ein großer Entschluß [166] gefaßt. Ein Nagel war eingeschlagen, an welchen ich das Seil meines Lebens fortspinnend heften konnte, ich hatte eine Lebensaufgabe gefunden, und wenn das Motto meiner zwanziger Jahre mit ihrem unsicheren Tasten und Suchen gewesen war: Wolle was du kannst, wolle nur das, wozu du Anlagen und ausreichende Kräfte besitzest, so hieß es von nun an umgeke

rt: Könne was du willst, raffe alle deine Kräfte zusammen, um der gefundenen großen Lebensaufgabe zu genügen. Nietzsche hatte mir einmal gesagt, daß ich sehr brav fortzuschreiten wisse, wenn ich erst in eine richtige Bahn gebracht worden sei. Die Bahn war da, und der Fortschritt ließ nicht auf sich warten. Kurz vorher hatte ich mir, bemittelt wie ich nunmehr war, die neueste Auflage von Brockhaus' Konversationslexikon angeschafft; eifrig schlug ich den Artikel über indische Philosophie nach, begegnete da zum ersten Male seltsamen Namen wie Kapila, Patanjali u.a. und schrieb an den Rand in Sanskritbuchstaben die Worte: Namani tani, prabhriti nanamani tru, Das sind bloße Namen, aber künftig nicht bloße Namen mehr. Ich schrieb einen Brief an meinen alten Lehrer im Sanskrit, Gildemeister in Bonn, teilte ihm meinen Entschluß mit und fragte um seinen Rat. Sehr bald traf eine ausführliche Antwort des trefflichen Mannes ein, in welcher er meinen Plan billigte, eingehend Auskunft über Mittel und Wege erteilte, auch einen Katalog von Köhler in Leipzig beilegte, welcher die Bibliothek des verstorbenen Roer erworben hatte mit vielem, was für mich brauchbar und teilweise schon schwer zu haben war. Sofort machte ich eine große Bestellung und sah mich bald in Besitz vieler Hefte der Biblioteca indica, enthaltend die Upanischaden, die Vedanta Sutras und viele andere Schätze altindischer Weisheit. Auch den zweiten Band von Dunckers Weltgeschichte ließ ich mir kommen und lernte an seiner Hand die indische Kulturwelt kennen, während ich zugleich unter täglich fortgesetzter Lektüre Bopps Grammatik und Sanskritglossar durchnahm und exzerpierte. Die herrliche Muße, die mir dieser Winter gebracht hatte, blieb nicht ganz ohne äußere Störung. Der republikanische Geist der freien Schweiz mochte es mit sich bringen, daß auf der Schule, welche Georges besuchte, wenig gelernt und viel Unfug getrieben wurde. Nur mit Mühe [167] hielt ich meinen Zögling durch die täglichen Repetitionen auf dem laufenden. In der Schule war er bei seiner natürlichen Lebhaftigkeit schwer zu zügeln. »Votre élève est bien fatigant«, klagte mir einst sein Lehrer Debarris. Sein Livret, durch welches allwöchentlich den Angehörigen Mitteilungen zugingen, wies immer zahlreiche Striche und Rügen auf, bis er es eines Tages vorlegte mit der lakonischen Bemerkung von der Hand seines Klassen-Lehrers: Renvoyé jusqu'à nouvelle ordre. Die Lehrer wußten die Rotte nicht mehr zu bändigen und griffen zu dem einfachen Mittel, daß sie die sieben Schlimmsten bis auf weiteres nach Hause schickten. Da saß ich nun mit meinem Sanskritstudium, meinen Vorbereitungen für die Vorlesungen und hatte auf einmal wieder vom Morgen bis an den Abend meinen Zögling auf dem Halse. Ich erkundigte mich nach dem Grund dieser außerordentlichen Maßregel. Besondere Untaten lagen nicht vor, man hatte nur die sieben, welche am meisten mit kleinen Strafen belastet waren, nach Hause geschickt. Auch Madame Kantschin fand es ungehörig, die Schüler wegen mangelhafter Führung des Unterrichts ganz und gar zu beurlauben, und ich schrieb in diesem Sinne einen Brief an den Erziehungsrat des Kantons. Der Lärm, der von mir und vielleicht auch von andern geschlagen worden war, bewirkte denn auch, daß man nach vierzehn Tagen die Sünder in Gnaden wieder aufnahm und ich Ruhe für meine Studien gewann. Das schlimmste war, daß ich dem alten Kantschin wöchentlich über Georges nach Petersburg zu berichten hatte. Seine Antwort war sehr höflich, aber sehr entschieden. »Wenn Sie es nicht erreichen können,« schrieb er, »daß ich von nun an nichts mehr von Streichen und Rügen zu hören bekomme, so sehe ich mich genötigt, so sehr ich Sie schätze und so leid es mir tut, mich nach einem andern Leiter meines Sohnes umzusehen, denn die Zukunft meines einzigen Sohnes steht hier auf dem Spiele, und so werden Sie meine Unruhe begreifen und entschuldigen.« – Erschüttert teilte ich diesen Brief Madame Kantschin mit. Sie beruhigte mich und erklärte, daß sie dafür eintreten werde, mich in meiner Stellung zu erhalten. Indessen sah ich doch mit einiger Sorge der Ankunft des alten Herrn entgegen. Er traf am 4. Juni ein, um diesmal mehrere Monate zu bleiben. Der Herbst kam heran, und mit ihm [168] der Schluß des Schuljahres. Das Zeugnis, welches Georges nach Hause brachte, war nichts weniger als glänzend. Immerhin war er in das gymnase versetzt und würde bei regelmäßigen Fortschritten auf ihm in drei Jahren das Reifezeugnis erreicht haben, welches ihm den Besuch der Universität oder des Polytechnikums ermöglicht hätte. Monsieur Kantschin zeigte sich sehr wenig zufrieden mit den Resultaten des Jahres und nicht geneigt, Georges auf dem mühsam erreichten Wege weitergehen zu lassen. »Sehen Sie einmal,« sagte er zu mir, »was in den drei bevorstehenden Jahren hier alles gelernt werden soll an Sprachen, Literaturgeschichte, Geschichte, Religion usw. das hat alles für die Pläne, die ich mit meinem einzigen Sohn habe, keinen Wert.« Er soll ein tüchtiger Ingenieur werden und dazu braucht er Mathematik, Zeichnen und etwas Naturwissenschaft und weiter nichts. Wenn Sie jetzt hier abbrächen und mit meinem Sohne nach Aachen gingen, so könnte er dort durch Privatunterricht in Mathematik und Zeichnen so weit gebracht werden, daß er in einem Jahre anstatt dreier Jahre ins Polytechnikum einrücken kann. Dieser Plan schien mir nicht nur für mich selbst unbequem, nach dem ich in Genf einen so schönen Anfang meiner akademischen Tätigkeit gemacht und schon für das nächste Jahr neue Vorlesungen angekündigt hatte, er erschien mir auch für meinen Zögling und seine Zukunft höchst bedenklich. Ich stellte dem alten Herrn vor, daß man zwar das ganze Pensum der elementaren Mathematik, Planimetrie, Trigonometrie und Stereometrie in einem Jahre bewältigen könne, daß aber nach einem so forcierten Verfahren die Übung in allen diesen Fächern allzu mangelhaft sein werde, um ein gedeihliches Fortschreiten auf dem Polytechnikum zu ermöglichen, daß außerdem Georges dann noch nicht das vorgeschriebene Minimalalter von siebzehn Jahren haben werde, nur als Zuhörer aufgenommen werden könne und bei seiner Jugend nicht die sittliche Reife haben werde, um den Gefahren zu widerstehen, die das freie Studentenleben mit sich bringe. Alle diese Vorstellungen vermochten nicht, den Herrn von seinem Plane abzubringen. »Ich selbst«, sagte er, »würde die Erziehung meines Sohnes in die Hand nehmen, wenn ich dazu die Zeit hätte. Da mich meine Geschäfte daran hindern, so müssen Sie meine Stelle[169] vertreten, aber durchaus in meinem Sinne handeln.« Monsieur Kantschin war nicht umzustimmen, ich besprach die Sache mit Madame, aber diese hatte die Aussicht, wenn ich mit Georges nach Aachen ginge, mit den beiden Mädchen nach Paris zu ziehen, und das war ihr Ideal. Sie hatte öfters gesagt: »Il y a une seule ville au monde, où je peux vivre, c'est Paris!« Also auch bei ihr fand ich keine Hilfe. Ebensowenig bei Georges, wenn ich ihm vorstellte, daß ihm auf diese Weise so viele schöne Bildungselemente verlorengehen würden. Die Aussicht, in ganz neue Verhältnisse einzutreten, entsprach durchaus seinen Wünschen. Warnend rief ich ihm die Worte Molières zu: »Tu l'as voulu, Georges Dandin, tu l'as voulu.« So waren denn alle in Betracht kommenden Faktoren gegen mich gleichsam verbündet, und ich sah ein, daß mir nur die Wahl bleibe, entweder auf die Pläne des Vaters einzugehen oder meinen Abschied zu nehmen. Zu letzterem hatte ich jedoch nicht den Mut. Meine Stelle in Deutschland hatte ich aufgegeben, und so sehr ich auch hoffen durfte, mit der Zeit auch an der Universität Genf ein Lebensstellung zu erringen, so hatte ich doch erst 5000 Franken erspart, und diese Unterlage war noch zu schwach, um auf sie allein hin das Risiko des Privatdozententums zu unternehmen. Es blieb mir also nichts anderes übrig, als auf die Absichten des Vaters einzugehen, indem ich ihm erklärte, daß ich bereit sei, mit dem besten Willen seine Pläne auszuführen, daß ich aber die Verantwortung für ihr Gelingen ihm selbst überlassen müsse. Soweit waren wir also und besprachen täglich, in welcher Weise die Sache am besten einzuleiten sei. In einem solchen Gespräche saßen wir am Abend des 7. September nach einem guten Diner bei einem Glase Wein und der Zigarette zusammen, während Madame Kantschin sich zurückgezogen hatte und die Kinder im Garten spielten, als plötzlich Monsieur unter vier Augen an mich die Frage richtete, ob ich glaube, für das vergangene Jahr Anspruch auf die 1400 Franken zu haben, die mir außer den 300 Franken monatlich zugesichert waren, falls Georges sein Examen bestünde. Ich erklärte, daß ich allerdings nach den verabredeten Bedingungen ein Anrecht darauf zu haben glaube. »Aber«, sagte Monsieur, »diese Summe ist doch eine Prämie, und für schlechte Resultate zahlt man keine [170] Prämien, um eine solche zu bewilligen, müßten doch wenigstens zwei Drittel vom Maximum erreicht sein.« – »Für die Zukunft«, sagte ich, »können wir ja einen Vertrag dieser Art schließen, bisher aber war nur Bedingung, daß Georges versetzt würde, wie denn auch im vorigen Jahre auf die bloße Bescheinigung hin, daß er aufgenommen sei, die Summe gezahlt wurde.« Es wurde noch vieles in dieser Weise hin und her geredet, bis schließlich Monsieur Kantschin, als er sah, daß ich bei meiner Forderung beharrte, etwas erregt aufsprang und sagte: »Nun gut, ich werde Ihnen das Geld geben und dann faisons chacun ce qu'il veut.« Damit eilte auf sein Zimmer, während ich bestürzt sitzenblieb, und alsbald kam er zurück mit einer Handvoll jener blaubedruckten französischen Banknoten, zählte sie noch einmal durch und legte sie vor mich hin. »Erlauben Sie einen Augenblick,« sagte ich, »wenn ich nun auf diese Summe verzichte, auf die ich ein Recht zu haben glaube, was bieten Sie mir?« – »Ich biete Ihnen ein weiteres Engagement für zwei Jahre mit 300 Franken monatlich und 1400 Franken am Ende des Studienjahres, wenn zwei Drittel vom Maximum erreicht sind.« Damit stand er auf, um zu gehen. »Aber bitte,« sagte ich, »wollen Sie das Geld nicht wieder an sich nehmen?« – »Sie können es ja an sich nehmen und die Sache bei sich überlegen.« Damit ging er hinaus. Ich trug das Geld auf mein Zimmer, schloß es ein und überlegte die Lage der Sache bis tief in die Nacht hinein. Das Anerbieten, noch zwei weitere Jahre meine bevorzugte Stellung zu behalten, war verlockend genug. Auf der andern Seite mußte ich mir sagen, daß die fragliche Summe genüge, um mich ein volles Jahr zu unterhalten, und daß ich es mir nie in meinem Leben verzeihen würde, auf eine Summe zu verzichten, die mir zukam, und die ich durch ehrliche Arbeit verdient hatte. Hätte Monsieur Kantschin das Geld. wieder an sich genommen, ich weiß nicht, zu welchem Entschluß ich gekommen wäre. Nun aber hielt ich den Schatz in Händen, und schließlich mußte ich mir sagen, daß mein Chef, wenn er mich für brauchbar hielt, mich in meiner Stellung belassen werde, auch wenn ich die 1400 Franken behalte. Am andern Morgen, als ich Georges zum gymnase brachte, nahm ich das Geld mit und zahlte es beim Bankier auf mein Konto ein. [171] Zurückgekehrt setzte ich in einem Brief meine Ansicht von der Sache auseinander und übergab diesen Herrn v. Kantschin, als ich Georges am Nachmittag zur Schule begleitete. Noch einmal versuchte der Vater, mich umzustimmen, stand aber davon ab, als er sah, daß ich bei meinem Entschluß beharrte, und war in den folgenden Tagen wie immer höflich, aber doch in ziemlich ungnädiger Stimmung. Einige Tage darauf reiste er ab. Wir alle begleiteten wie gewöhnlich den Vater zum Bahnhof, und der Abschied von mir war etwas weniger freundlich als sonst. Monsieur Kantschin reiste, wie ich später erfuhr, direkt nach Aachen und versuchte wirklich dort seinen Sohn bei einem Professor des Polytechnikum als Pensionär unterzubringen. Es gelang ihm nicht, da die meisten verreist wahren und die übrigen wohl keine Lust hatten, eine solche Last auf sich zu nehmen. Am 16. September erhielt ich von Herrn v. Kantschin aus Aachen einen Brief, in welchem er noch einmal seinen Standpunkt in der Sache wahrte, indem er hinzufügte, daß mir, da ich ja cette bagatelle in Händen habe, aus dieser Verschiedenheit der Meinungen kein Nachteil entspringe, und sich bereit erklärte, mir für weitere zwei Jahre seinen Sohn anzuvertrauen unter Zusicherung freier Station und von 300 Franken monatlich nebst einer Prämie von 1400 Franken, falls Georges am Ende des Schuljahres zwei Drittel vom Maximum des Erfolges erreicht haben werde. »Sind Sie hiermit einverstanden,« so schloß der Brief, »so können Sie ohne Verzug Ihre und meines Sohnes Sachen einpacken und nach Aachen reisen, um dort alles vorzubereiten, bis Georges von seiner Mutter dorthin gebracht werden wird.«

Von diesem Briefe, der am 16. September 1874 eintraf, machte ich Madame Kantschin Mitteilung. Sie war durchaus damit einverstanden und bestimmte ihrerseits, daß ich ohne weiteres mit unserm gemeinsamen Gepäck nach Aachen vorausreisen solle, wohin sie selbst in den ersten Tagen des Oktober mit Georges nachkommen werde. Und so saß ich am Sonntag, dem 20. September, auf der Bahn, nahm Abschied von meinem geliebten Genf und fuhr die Nacht durch nach Aachen. Monsieur Kantschin hatte mir empfohlen, mich in allen Fragen, welche Georges betreffen könnten, an den Direktor des Polytechnikums, Herrn v. Kaven, [172] der als Professor den Eisenbahnbau vertrat, zu wenden und seinen Weisungen jederzeit zu folgen, da v. Kaven ihm zugesichert habe, sich in allen Stücken bereitwillig unser annehmen zu wollen, und so habe ich denn während meines viereinhalbjährigen Aufenthaltes in Aachen das Wohlwollen dieses vortrefflichen Mannes mehr, als es ihm selbst und auch mir angenehm sein mochte, in Anspruch nehmen müssen.

Ich hatte mich gleich bei meinem Antrittsbesuche bei v. Kaven über die Frage einer passenden Wohnung zu unterhalten. Er empfahl mir Frau Dr. Lorenz, die Schwiegermutter seines Kollegen Intze, welche Pondstraße 149 ein Haus hielt, in welchem eine Anzahl Polytechniker wohnten und noch viele andere sich mittags zur gemeinsamen Mahlzeit versammelten. Hier mietete ich die drei Zimmer des zweiten Stocks für Georges und mich, machte in den letzten Septembertagen noch einen Besuch in Heinsberg und Elberfeld, kehrte rechtzeitig zurück, um die angekommenen Kisten auszupacken, und konnte Madame Kantschin bei ihrer Ankunft mit Georges in Aachen am 4. Oktober in den fertig eingerichteten Räumen empfangen.

Für die Vorbereitung meines Zöglings zum Besuche des Polytechnikums war ein Jahr in Aussicht genommen. Ein Lehrer des Gymnasiums, Dr. Aussen, hatte es übernommen, ihm täglich in unserer Wohnung den nötigen Unterricht in der Elementarmathematik zu geben; daneben nahm er in der Gewerbeschule an dem Unterricht in Physik, Chemie und Zeichnen teil, und der Direktor dieser Schule, Dr. Pützer, war dafür gewonnen worden, ihn alle vierzehn Tage über die gemachten Fortschritte zu prüfen. Dies alles machte nicht geringe Kosten, aber Monsieur Kantschin trug sie gern in der Aussicht, nach Jahresfrist seinen Sohn aufs Polytechnikum bringen zu können, wenn auch vorläufig nur als Zuhörer, da ihm an dem Mindestalter von siebzehn Jahren zur Aufnahme als Studierender auch nach Verlauf eines Jahres noch ein Jahr fehlte. Die Woche durch wurde fleißig gearbeitet. Ich überwachte vom Nebenzimmer aus den regelmäßigen Gang der Mathematikstunden, während ich daneben ungestört meinen Sanskritstudien nachgehen konnte.

Das erste Jahr verlief für beide Teile in fleißiger Arbeit. [173] Georges ging mit dem treuen und geduldigen Dr. Aussen seine Arithmetik und Planimetrie, Trigonometrie und Stereometrie so gut es in einem Jahr geschehen konnte, durch, und ich im Zimmer nebenan übte mich fleißig im Sanskrit, las Rigveda und Çakuntala und suchte an der Hand des Vedanta Sara und der Sankya Karika in die indische Philosophie einzudringen. Daneben fehlte es nicht an Erholung. Der Vater hatte bestimmt, daß wir, wenn Georges die Woche durch fleißig gewesen war, am Sonnabend und Sonntag eine kleine Reise machen durften, und so waren wir allsonntäglich entweder in Heinsberg bei Bruder Johannes oder in Schwerte bei Werner. In den Weihnachtsferien 1874 auf 1875 ging Georges nach Paris und ich, sehr ermüdet von der intensiven Sanskritarbeit, nach Oberdreis, wo ich, wie immer, das Predigen und Beerdigen für meinen Vater übernahm und dem alten Manne dadurch ein längeres Stehen in Schnee und Eis am offenen Grabe ersparte. Mit besonderem Vergnügen folgte ich zu Ostern einer Einladung von Madame Kantschin, die Ferien mit Georges in Paris zu verbringen, welches ich so zum ersten Male zu sehen bekam. Ich bewohnte das hochelegant mit weißen Möbeln ausgestattete Zimmer des in Rußland weilenden Herrn von Kantschin, und Georges unternahm es, mir »sein Paris« zu zeigen und namentlich mit mir so ziemlich jeden Abend ins Theater zu gehen. Sehr befriedigt kehrte ich mit Georges am 13. April nach Aachen zur Fortsetzung der Arbeit zurück. Das erste Aachener Jahr ging mit dem Monat Juli zu Ende. Auf die Erklärung der Herren Direktor Pützer und Dr. Aussen hin, daß Georges sich den Stoff der Elementarmathematik hinreichend angeeignet habe, unterwarf ihn Direktor v. Kaven persönlich einem kurzen, mehr formellen Examen, woraufhin ihm ein in aller Form offiziell abgefaßtes Zeugnis ausgefertigt wurde, daß er als Zuhörer, da er die zum Studieren erforderlichen siebzehn Jahre noch nicht besaß, ins Polytechnikum aufgenommen worden sei, ein Zeugnis, welches den Vater sehr glücklich machte. Georges durfte die Ferien bei seiner Familie in Spaa zubringen, und auch ich wurde dorthin eingeladen, aufs herrlichste bewirtet und mit reichen Geldmitteln, unter ihnen auch den mir als Prämie für das erreichte Jahresziel zustehenden [174] 1400 Franken, entlassen. Im übrigen verbrachte ich meine Ferien teils mit Johannes in Heinsberg und Aachen, teils in Oberdreis, immer fleißig am Sanskrit weiter arbeitend und teils meinen Bruder in Heinsberg, teils meinen Vater in Oberdreis im Predigtamt vertretend. Letzteres tat ich sehr gern, denn es war mir eine große Befriedigung meine durch Kant und Schopenhauer gewonnenen philosophischen Anschauungen in die hergebrachten kirchlichen Formen zu kleiden.

Der Monat Oktober 1875 brachte den Anfang meiner Vorlesungen und damit eine sehr bedeutsame Änderung meiner Lebenslage mit sich. Von den Vorlesungen, welche ich 1873 bis 1874 an der Universität Genf in französischer Sprache gehalten hatte, ist oben gesprochen worden. Vor meiner Abreise aus Genf hielt ich es für geraten, als Privatdozent der dortigen Universität um Urlaub zu bitten und mir so die Möglichkeit einer Rückkehr in meine Stellung offenzuhalten. Ich wandte mich zu diesem Zweck an den damaligen Rektor der Universität, den durch sein Auftreten im Streite um die Deszendenztheorie bekannten Zoologen Karl Vogt, einen behäbigen Materialisten, welcher unter den Genfer Professoren als Stern erster Größe glänzte. Auf meine Bitte um Urlaub erhielt ich einen Brief, dessen Wortlaut mir noch ungefähr in der Erinnerung ist. Er lautete:





Mein lieber Herr Doktor!





Wir sind hier noch nicht so verbismarckt und verpreußt, daß wir uns erlauben, Leuten, die wir nicht bezahlen, einen Urlaub zu erteilen. Sie können gehen, so lange und wohin Sie wollen, und können jederzeit Ihre Vorlesungen an unserer Universität wieder aufnehmen.





Mit diesem Briefe, welcher mir vielleicht erlaubt, mich noch heute als Angehöriger der Genfer Universität zu betrachten, hatte ich Genf verlassen und während meines ersten Aachener Jahres das Halten von Vorlesungen ungern entbehrt, wäre es auch nur, um in das unausgesetzt betriebene, Kopf und Augen ermüdende Sanskritstudium einige Abwechslung zu bringen. Ich reichte daher im Herbst 1875 meine Dissertation dem Aachener Professorenkollegium ein und erlangte ohne weitere Umstände [175] meine Habilitation als Privatdozent der Technischen Hochschule, wie sie damals zuerst genannt wurde. Ich dachte mir die Sache so, daß ich unter dem Titel »Hauptfragen der Philosophie« vor einem oder einigen Dutzend Zuhörern behaglich und mühelos vortragen würde, was mir so sehr am Herzen lag, und dabei wenigstens für Stunden die häusliche Arbeit am Sanskrit unterbrechen würde. Aber es kam anders. Die erste Vorlesung am 15. Oktober 1875 sah den geräumigen Saal bis auf den letzten Platz gefüllt; ein Referat in der Aachener Zeitung, zu dem ich selbst den Entwurf geliefert hatte, tat das übrige, der größte Saal des Polytechnikums reichte kaum aus; die Zahl der für meine Vorlesung eingeschriebenen Zuhörer betrug, wie der gedruckte Jahresbericht der Schule auswies, 307. Es war wohl so ziemlich das ganze Polytechnikum vertreten, auch mehrere Professoren, unter ihnen namentlich v. Kaven, und dazu eine stattliche Anzahl von Herren und Damen aus der Stadt. Ich verhehlte mir nicht, daß es wesentlich Neugier war, welche diese Scharen um mich versammelte, und sah mit Angst voraus, daß der Strom sehr bald zurückebben würde. Und dann würde es heißen: »Hab ich sie anzuziehen Kraft besessen, so hatt' ich sie zu halten keine Kraft.« Dieses beschämende Resultat mußte verhindert werden, und ich beschloß alle Kräfte anzuspannen, um meine Zuhörer auf die Dauer zu fesseln, und dies gelang. Die bisher so eifrig betriebenen Sanskritstudien mußten fürs erste etwas zurücktreten; denn jeden Mittwoch- und Freitagabend mußte ich in den hellerleuchteten Räumen vor eine glänzende Versammlung treten und ihre hochgespannten Erwartungen zu befriedigen suchen. Dies war nicht anders als in vollkommen freier Rede möglich, nur daß ich jedesmal auf einem kleinen Zettelchen die Punkte notiert hatte, welche ich zu besprechen gedachte. Täglich ging ich stundenlang, in der Regel in dem anmutigen Gehölze des Lußberges, umher und durchdachte mein Thema für den nächsten Vortrag. Wenn ich ein guter akademischer Lehrer geworden bin, so habe ich dies wesentlich der Schulung zu verdanken, welcher ich mich damals freiwillig unterwarf. Nach meiner Gewohnheit in Genf hatte ich die Absicht, auch hier ein Resumé des Vorgetragenen meinen Zuhörern in die Feder zu diktieren. Aber Direktor v. Kaven, der [176] regelmäßig, wie auch andere Professoren, den Vorträgen beiwohnte, sagte zu mir: »Wozu ist denn die Buchdruckerkunst erfunden; lassen Sie Ihr Resumé drucken und verteilen Sie es bogenweise an Ihre Zuhörer.« Bei diesem Vorschlage empfand ich einen gelinden Schauer, ich glaube, es war ein Schauer der Ehrfurcht. Außer meiner Doktordissertation und gelegentlichen Kleinigkeiten hatte ich nie etwas drucken lassen, und nun sollte ich gar die tiefsten Gefühle, welche mein Herz bewegten, zu Papier bringen und durch Druckerschwärze verewigt mir und vielen andern entgegenstarren sehen. Denn der Inhalt konnte ja kein anderer sein, als die selbständig angeeignete und bis in die letzten Tiefen des Gemüts eingedrungene Philosophie des großen Kant und des göttlichen Schopenhauer. Auch die materielle Seite der Frage kam in Betracht. Denn wenn ich auch durch Erhebung von einer Mark und später nochmals von fünfzig Pfennig von meinen Zuhörern eine Deckung meiner Auslagen erlangte, so hatte ich doch zunächst auf eigene Kosten und Gefahr drucken zu lassen, und ich berechnete, daß mir jede Zeile fünfzehn Pfennig, soviel wie ein Glas Bier, kosten würde, und beschloß in Anbetracht meiner damals erst auf 9000 Mark angewachsenen Ersparnisse, mit den Zeilen sparsam zu sein. Nach jeder Vorlesung, und wenn ich von ihrem Inhalte auf das lebendigste erfüllt war, suchte ich die Quintessenz derselben in kürzester und klarster Form abzufassen und sogleich der Druckerei zu übergeben. So entstand im Laufe der nächsten Jahre ein Werk, wie ich es nur einmal im Leben und nicht wieder zu verfassen imstande war, und wie es noch jetzt und bis an mein Ende das eigentliche Programm meiner Lehre wie meines Lebens bildet, so entstanden – die »Elemente der Metaphysik«. Was ich mit dieser Publikation, welche den Genius Schopenhauers rückhaltlos anerkannte, in meinem Jahrhundert wagte, stand mir von vornherein klar vor Augen. Ich hatte mit ihr die Brücke hinter mir abgebrochen und die Schiffe verbrannt, ein Zurückweichen gab es nicht mehr. Und so war ich völlig darauf gefaßt, einem ähnlichen Schicksale zu verfallen, wie es Schopenhauer erfahren hatte, lebenslänglich gegen den Strom zu schwimmen und äußerlich vielleicht nie über die Stellung eines Privatdozenten hinauszukommen. So kam der Januar 1876 heran, ich [177] war mit 16 Vorlesungen bis zur Metaphysik der Natur gelangt, die ersten Druckbogen waren in den Händen meiner Zuhörer, als mir eine seltsame Überraschung zuteil wurde. In dem ultramontanen »Echo der Gegenwart« erschienen im Laufe des Januar und Februar 1876 zunächst zwölf Artikel, welche in Anrede und Form: »Mein treuer Paul usw.« einen harmlosen Ton anschlugen, der Sache nach aber gegen mein Auftreten und meine Lehre die schärfsten Angriffe richteten. Man behauptete, ich sei vom Ministerium Falk nach Aachen geschickt worden, um den Kulturkampf zu führen, und knüpfte daran eine an jesuitischen Verdrehungen reiche Kritik meiner Lehre. In meiner Unschuld antwortete ich in demselben Blatte einige Male, erklärte, daß mich kein Kaiser und kein König bezahle, und suchte die Mißverständnisse meiner Lehre aufzuklären. Als Motto meines ersten Gegenartikels hatte ich ein Verschen gewählt:



Denk an das Stückchen,

Von jenem Mückchen,

Welches entgegenflog dem Licht.

Mücklein! Verbrenn' dir die Flügelchen nicht.





Dies hatte die Wirkung, daß mein Gegner sich in den folgenden Artikeln unterzeichnete als »Dein alter Freund Mücklein«, aber zu belehren war er nicht, und so beschworen mich meine Freunde, nachdem ich zwei- oder dreimal geantwortet hatte, mich auf keine weiteren Erörterungen einzulassen, da es meinem Gegner nicht darum zu tun sei, die Wahrheit zu ermitteln, sondern nur seinen ultramontanen Parteistandpunkt zur Geltung zu bringen. Eine zweite Serie von sechs Artikeln erschien seit Ostern 1876 in verändertem Stil und Ton, eine dritte, die giftigste von allen, erschien in zwölf Artikeln im Winter 1878 auf 79. Auf sie werden ich weiter unten zurückkommen. Hier mag es genügen zu sagen, daß ich meinen ersten Zyklus von Vorlesungen vom 15. Oktober 1875 bis zum 14. Juni 1876 glorreich zu Ende führte, und daß auch in den letzten Vorlesungen noch über hundert Personen durch die Hitze des Sommers hindurch treu geblieben waren.

Es wird Zeit, daß wir uns wieder nach unserm Georges und seinen Verhältnissen umsehen.

[178] Seine Vorbildung hatte zu eilig betrieben werden müssen, als daß er den Vorträgen bei Hattendorff über höhere Mathematik und bei Ritter über Mechanik mit vollem Verständnis und Interesse hätte folgen können; auch fühlte er sich, obgleich minderjährig und erst sechzehn Jahre alt, als Polytechniker und beanspruchte alle Freiheiten im Schwänzen von Vorlesungen und Besuchen von Kneipen, wie sie diesem freistanden. Es wurde alles getan, um ihn einigermaßen in Ordnung zu halten, täglich kam ein älterer Student, um die Vorlesungen mit ihm zu repetieren, und alle vierzehn Tage wurde er von Professor Pinzger einer Prüfung unterworfen, welche anscheinend ein günstiges Ergebnis hatte. Da erfolgte am 10. Januar 1876 die erste offizielle Repetition bei Professor Ritter, welche uns aus allen geträumten Himmeln herausriß, indem der ebenso strenge wie wohlwollende Mann erklärte, daß Georges gar nichts verstehe, daß er überhaupt noch nicht fähig sei, den Vorträgen zu folgen und mir auf mein Befragen hin nur den Rat zu erteilen wußte, den Knaben noch für ein paar Jahre einem Gymnasium oder einer Realschule anzuvertrauen. Man kann sich die Aufregung denken, in welche diese Nachrichten den alten Kantschin versetzten. Von einer Befolgung des Ritterschen Rates wollte er durchaus nichts hören, und so mußte in der begonnenen Weise fortgefahren werden. Noch größer wurde unsere Verlegenheit, als Professor Pinzger, beschämt über die Divergenz des Ritterschen Urteils von dem seinen, statt in unserer Not uns beizustehen, sich völlig von uns zurückzog; wie kleinlich seine Denkungsart war, ist auch daraus ersichtlich, daß er der einzige war, welcher die im Jahre 1877 fertig gewordenen und allen Professoren als Geschenk übersandten »Elemente der Metaphysik« mir zurückschickte, obgleich gerade er wie seine Mutter vordem die eifrigsten Zuhörer meiner Vorlesungen gewesen waren. Es blieb nichts anderes übrig, als mit älteren Polytechnikern zu operieren und uns für die verschiedenen etwa allmonatlich anberaumten Repetitionen möglichst sorgfältig vorzubereiten. So ging das Studienjahr im Juli zu Ende; August und September benutzte ich, um die Elemente im Manuskript zu Ende zu führen. Demnächst sollte Georges, der nun das Minimalalter von siebzehn Jahren hatte und bisher nur Zuhörer gewesen [179] war, als Studierender aufgenommen werden, wozu er ein Examen zu bestehen hatte. Um ihn für dasselbe frisch zu haben, beschloß ich mit ihm die ersten fünf Tage des Oktober eine Reise durch Belgien zu machen. Aus irgendeinem Grunde reiste er voraus und wußte es so einzurichten, daß er jedesmal, wenn ich ankam, schon abgereist war, so daß ich über Lüttich, Brüssel, Antwerpen, Gent und Ostende immerfort seinen Spuren folgte, ohne ihn doch zu treffen. Erst in Aachen fanden wir uns am 5. Oktober wieder. Zugleich erwartete mich die Trauerbotschaft, daß Werners Frau, das so lebensfrohe Minchen, die Mutter von Nenna und Willy, nach der Geburt des letzteren gestorben war. Am 6. Oktober sollte Georges die Aufnahmeprüfung bei Hattendorff bestehen, und dieser ließ ihn, nachdem er ihn, wie Georges berichtete, kaum fünf Minuten gefragt hatte, durchfallen, nachdem ihn v. Kaven schon vor Jahresfrist für reif erklärt hatte. Die Divergenz der Urteile erklärt sich zum Teil aus persönlichen Gründen. V. Kaven wollte mir wohl, protegierte meine Vorlesungen in jeder Weise und ließ es sich geduldig gefallen, wenn ich ihn immer wieder in Angelegenheiten des jungen Kantschin behelligen mußte. Weniger Wohlwollen fand ich bei andern Professoren. Am 3. Februar 1876 war ein großes Studentenfest mit gedruckter Bierzeitung, welche noch in meinen Händen ist, und mehr von dem Eindrucke meiner Vorlesungen als von dem aller andern voll war, welches ja wohl bei manchen ein Gefühl der Eifersucht wachrufen mochte. Tatsache ist, daß Hattendorff, mit dem ich das Auditorium teilte, Klage darüber führte, daß meine zahlreichen Zuhörer Tische und Bänke beschmutzten, mir das neben dem Auditorium liegende Wartezimmer verschloß und es so weit trieb, daß ich nach Ostern meine Vorlesungen ganz aufgeben wollte und sie nur auf vieles Zureden in der großen Aula wieder aufnahm. Nach dem peinlichen Resultate des Examens bei Hattendorff suchte ich diesen auf, und er erklärte, nichts dagegen haben zu wollen, daß Georges noch einmal von einem andern examiniert würde. Hierzu wurde Professor Helmert be stimmt. Inzwischen waren Monsieur und Madame Kantschin mit beiden Töchtern in Aachen angekommen und die ganze Familie war in unserm Salon versammelt, während Georges zu Helmert ins Examen stieg, und mit [180] Spannung erwarteten wir seine Rückkehr. Diesmal nehmen sie ihn aber gehörig vor, sagte Monsieur Kantschin. Endlich kam Georges zurück; auch Helmert, wie ja auch zu erwarten war, hatte ihn durchfallen lassen. Nachdem Georges diese Nachricht überbracht hatte, entstand ein allgemeines tiefes Schweigen. Ich selbst war äußerst beschämt und erwartete nichts anderes als meinen Abschied. Schon vor einem Jahr war durch offizielles, von Direktor v. Kaven unterfertigtes Schreiben seine Reife fürs Polytechnikum anerkannt worden, ich hatte daraufhin meine Jahresprämie eingestrichen, und jetzt, nachdem ein volles Jahr vergangen war, sollte mein Zögling durch zweifaches Verdikt von Hattendorff und Helmert für unreif erklärt werden. Endlich brach Herr v. Kantschin das peinliche Schweigen und richtete an mich die Frage, was nach meiner Meinung jetzt am besten geschähe? Ich erkannte daraus, daß der Vater mit der Drohung, seinen Sohn nach Rußland zu nehmen, nicht Ernst machen wollte, daß er geneigt war, mit meiner Hilfe weiter zu experimentieren. Auf diesen Gedanken eingehend, wies ich darauf hin, daß Georges statutenmäßig zu Weihnachten sich nochmal zum Examen stellen könne, und daß bis dahin bei energischer Arbeit die Aufnahmeprüfung wohl zu bestehen sein werde. Herr v. Kantschin billigte diesen Plan, alles einzelne wurde besprochen und verabredet und er schloß, indem er mich bedeutungsvoll ansah, mit den Worten: »Damit wäre ja denn wohl alles besprochen.« Ich bejahte es. Darin lag von beiden Seiten die für mich so sehr schmerzliche, aber bei den obwaltenden Umständen unvermeidliche Übereinkunft, daß von der üblichen Prämie von 1400 Franken für dieses Jahr keine Rede sein könne. Die Familie reiste ab, ich blieb mit Georges allein in Aachen, dem Schauplatz so vieler Wonnen und so unsäglicher Qualen.

Nach ernstlicher Überlegung kam ich zu dem Entschlusse, für die erste Zeit nicht nur die Leitung, sondern auch den Unterricht meines Zöglings in die Hand zu nehmen, mit ihm nochmals die ganze Elementarmathematik durchzugehen, mit ihm die täglichen Repetitionen abzuhalten und, was das Schwerste war, mit ihm die technischen Vorlesungen zu besuchen. Und so saß ich vom nächsten Morgen alle Tage im Polytechnikum und hörte höhere [181] Mathematik bei Hattendorff, Baukonstruktion bei Intze und Mechanik bei Ritter, in demselben Saale, in welchem ich im verflossenen Jahre die größten Triumphe gefeiert hatte. Es war eine der größten aszetischen Leistungen, deren ich mich in meinem Leben rühmen kann. Herr v. Kantschin, dem ich meinen heroischen Entschluß brieflich mitteilte, zeigte sich dadurch gerührt und machte mir folgenden, bedeutsamen Vorschlag. Wir wollen, hieß es in seinem Brief, nicht mehr von jährlich 1400 Franken Prämie reden, sondern, ich schlage vor, daß, wenn Georges von jetzt an in zwei Jahren die Vorprüfung, wie sie auf halbem Wege zum Diplomexamen üblich ist, besteht, Sie eine Gesamtprämie von 5000 Franken erhalten. Ich zögerte nicht, auf dieses Anerbieten einzugehen, denn wenn auch die Aussicht auf die 5000 Franken sehr gering war, so lag doch darin ein festes Engagement für zwei volle Jahre, in einer ganz erträglichen Lebensstellung. Es wurde also mit Eifer weitergearbeitet, und auch Georges schien unter dem Eindrucke der erlittenen Niederlage und meines heldenmütigen Vorgehens lenksamer als je vorher. Die Hauptsache war die Elementarmathematik, Algebra, Planimetrie, Trigonometrie und Stereometrie, und es war für mich nicht ohne Interesse, diese gymnasialen Fächer nochmals durchzugehen. Neujahr 1877 kam heran, und mit ihm erschien Herr Kantschin, um das Resultat der nochmaligen Prüfung abzuwarten und, wenn sie wieder nicht bestanden werden sollte, seinen Sohn irgendwo in Rußland unterzubringen. Ich meldete die Prüfung beim Direktor v. Kaven an, zugleich mit der Bemerkung, daß von ihr das weitere Verbleiben meines Zöglings am Polytechnikum abhängen werde. Hier machte v. Kaven nun den überraschenden Vorschlag, das Risiko einer neuen Prüfung zu umgehen und auf Grund eines bestehenden Statuts meinen Zögling als Ausländer ohne Prüfung unter die Studierenden der Anstalt aufzunehmen. Ich überbrachte diesen Vorschlag dem Vater, und er stimmte zu. Zugleich fragte ich ihn, ob er Wert darauf lege, daß ich noch weiterhin mit Georges die Vorlesungen besuche und die Repetitionen abhalte. Er verneinte es, und ich fühlte mich von einer schweren Last befreit. Von nun an erschien wieder jeden Nachmittag ein Repetent. Die Repetitionen bei den Professoren, über die ich dem Vater jedesmal [182] Mitteilung machte, verliefen mit wechselndem Erfolg, so daß ein Bestehen der Vorprüfung gegen Ende des Jahres 1878 zwar nicht sehr wahrscheinlich, aber doch nicht außer dem Bereich des Möglichen war. Den Extravaganzen meines Zöglings, wie sie von Zeit zu Zeit nicht ausblieben, suchte ich nach Möglichkeit vorzubeugen. Den regelmäßigen Besuch der Vorlesungen suchte ich dadurch zu sichern, daß ich einen armen Polytechniker als Spion engagierte, der mir für eine Mark täglich brieflich über den Besuch berichten mußte.

Die Herbstferien des Jahres 1878 wurde unablässig gearbeitet. Vier junge Leute arbeiteten die verschiedenen Fächer mit Georges durch. Ich versprach jedem aus meiner Tasche hundert Mark, wenn Georges die Vorprüfung bestehen sollte. Daß sie erst am 6. Dezember angesetzt wurde, war Herrn v. Kantschin recht, aber er erklärte, daß mit dem ersten Oktober mein Gehalt aufhören müsse, wogegen, entsprechend unserer Verabredung, nichts einzuwenden war. Der gefürchtete 6. Dezember kam heran. Es war fleißig gearbeitet worden, aber die Professoren bei der Vorprüfung waren streng, und ein großer Teil, wenn nicht der größere, der Prüflinge fiel durch. Am Nachmittage des 6. Dezember saßen, wie mir durch den Pedell berichtet wurde, fünfzehn Professoren zusammen und beschlossen über das Bestehen oder Nichtbestehen der einzelnen Kandidaten mit Stimmenmehrheit. Die Reihe kam an Kantschin. Die erste Abstimmung ergab kein klares Resultat. »Also nochmals, meine Herren,« sagte der Direktor, »wer dagegen ist, daß Kantschin die Vorprüfung bestanden hat, der steht auf, wer dafür ist, bleibt sitzen.« Da geschah es, daß von den fünfzehn Professoren sieben – es mochten wohl die sein, welche meinen Zögling näher kannten – aufstanden und acht sitzenblieben.

Georges sollte von nun an selbständig leben und nur von einem technischen Repetitor geleitet werden. Als solcher hatte in den letzten Jahren der Polytechniker Starmans gedient, ein unbemittelter, treuer, etwas schwacher und dabei unendlich geduldiger Mann, der, wenn auch ohne tieferen Einfluß auf Georges, doch ihm ein angenehmer Kamerad war. Es war, wie sich später zeigen wird, ein Unglück, daß dieser Mann wegen geringfügiger Gelddifferenzen mit dem alten Herrn v. Kantschin [183] uns verließ und wir uns nach einem andern Mitarbeiter umsehen mußten. Zu einem solchen schien unter allen in Frage kommenden Persönlichkeiten am meisten geeignet Herr Zeidler, ein ernster, stattlicher Mann, der im Alter von zweiunddreißig Jahren noch das Polytechnikum besuchte und meinem Zögling durch seine Haltung zu imponieren wußte. Dieser also wurde mit Zustimmung des Direktors v. Kaven, der nach wie vor unter alles sein Plazet setzen mußte, wenn es dem alten Herrn annehmbar sein sollte, zur Mitarbeit gewonnen. Er bezog mit Georges eine neue Wohnung, während ich in unserer alten Wohnung das hintere Zimmer beibehielt und auf eigene Kosten lebte, nur daß Herr v. Kantschin mir vorschlug, solange ich noch keine neue Stellung hätte, für die er sich selbst zu bemühen versprach, für eine Vergütung von 200 Mark monatlich eine entfernte und möglichst unmerkliche Aufsicht über Georges und seinen neuen Kameraden zu führen. Dieses Verhältnis bestand bis zu meinem definitiven Weggang aus Aachen am 10. Mai 1879. Ehe ich aber von diesem berichte, ist noch manches aus der Aachener Zeit nachzuholen.

Ich hatte in den Jahren 1877/78 meine philosophischen Vorlesungen, teilweise auch Übungen wieder aufgenommen und nun erfolgte 1878 in einer Reihe von Artikeln des »Echo der Gegenwart« ein Angriff, welcher an maßlosen Verdächtigungen die beiden früheren Artikelreihen weit übertraf. Unter der Aufschrift: »Ein Kaiserwort und eine königlich preußische Hochschule« erschienen nacheinander zwölf Artikel, welche an jesuitischen Verdrehungen das Unglaublichste leisteten. Der Kaiser, so hieß es, habe gesagt, es solle dem Volke seine Religion erhalten bleiben, und es gäbe eine preußische Hochschule, auf welcher die gräuliche, aller Religion zuwiderlaufende Lehre Schopenhauers vorgetragen werde. Meine Vorlesungen schien der Pasquillant gar nicht besucht zu haben, er hielt sich an meine eben erschienenen »Elemente der Metaphysik«. Dort wird die christliche Rechtfertigungslehre in der Kürze vorgetragen, und dann heißt es weiter (§ 281): »Tiefer, reiner, entwickelter treffen wir denselben Gegensatz auf dem Boden der indischen Theologie an.« Aus diesen Worten folgerte der Jesuit die tollsten Dinge: »So,« sagte er, »also die Inder haben alles besser gewußt als unser Herr Christus, gegen [184] die Inder ist unser Herr Christus nur ein Dummkopf.« Die Verdrehungskunst dieses Ultramontanen war um so schamloser, als ich in Buch und Vorlesungen über das Christentum und seinen Stifter nie anders als in würdigster Weise, stets mit Liebe und Achtung gesprochen hatte. Aber dieser Giftpilz sollte noch weiter wuchern. Das Gezeter im »Echo der Gegenwart« drang bis in das ultramontane Lager der eben tagenden Abgeordneten, und hier war es Herr v. Schorlemer-Alst, welcher unkritisch genug war, die von dem Jesuiten gezogene Folgerung für Tatsache zu nehmen und im preußischen Abgeordnetenhause zu behaupten: »Es gibt eine königlich preußische Hochschule, auf welcher gelehrt wird – die Zunge sträubt sich das Wort auszusprechen –, auf welcher ein Schüler Schopenhauers lehrt, Christus sei ein Dummkopf.« Diese im Landtag vorgetragene und durch alle Blätter gehende Äußerung des ultramontanen Abgeordneten kam auch zu Ohren des Bonner Philosophieprofessors Jürgen Bona Meyer, der überall bei der Hand war, wo es etwas zu machen gab, und auch hier, anstatt es dem Angegriffenen zu überlassen, sich zu verteidigen, wenn er wollte, das Wort in der Kölnischen Zeitung nahm und hier die Erklärung abgab: Er wisse zwar nicht, wovon die Rede sei, kenne aber Schopenhauers Werke genugsam, um versichern zu können, daß die Behauptung, Christus sei ein Dummkopf, bei Schopenhauer sich nicht finde. Diese mit voller Namensunterschrift abgegebene Erklärung gab nun den durch mein beharrliches Schweigen erbitterten Echomännern einen willkommenen Anlaß, die angesammelte Galle auszuschütten. Wie eine Meute wütender Hunde stürzten sie sich auf Bona Meyer und verzausten ihm das Fell, wie er es für sein Dareinreden verdient hatte. Dieser Bona Meyer mag es auch verantworten, wenn der gegenwärtige Deutsche Kaiser so wenig Verständnis für Philosophie besitzt. Der Fall ist wert, der Vergessenheit entrissen zu werden. Nach Erscheinen meiner »Elemente der Metaphysik« hatte ich eines der wenigen Luxusexemplare an den damaligen Kronprinzen geschickt, zwei weitere gewöhnliche Exemplare beigelegt und Seiner Königlichen Hoheit anheimgestellt, diese, falls er es für gut fände, seinen beiden, eben ins Jünglingsalter getretenen Söhnen Prinz Wilhelm und Prinz Heinrich zum Studium zu übergeben; daß [185] der Kronprinz dieses wirklich getan hat, erfuhr ich aus einem Briefe, den Bona Meyer wegen eines andern Anlasses (es handelte sich um die Unterbringung eines jungen Ausländers) an mich schrieb und nach Erledigung des geschäftlichen Teiles wörtlich folgendes mitteilte:

»Nach Erledigung dieser Sache habe ich Ihnen noch für die Zusendung Ihrer ›Elemente der Metaphysik‹ zu danken. Es war mir zugleich lieb, aus Ihrem begleitenden Brief zu sehen, daß Sie sich noch meiner Privatdozentenschaft in Berlin erinnern. Daß mich der Inhalt Ihres Buches wohl interessieren, aber nicht befriedigen konnte, werden Sie wissen. Ich teile Ihren Schopenhauerschen Standpunkt ja durchaus nicht.

Von Interesse wird Ihnen die Mitteilung sein, daß der Kronprinz diesen Winter seinem Sohne, dem Prinzen Wilhelm, Ihr Buch zum Studium mitgab, freilich nicht mit Erfolg. Doch hat Prinz Wilhelm mich ein paarmal nach dem Buch gefragt und jetzt die Rezension von Weiß in den Philosophischen Monatsheften gelesen und seinem Vater mitgenommen.«

Aus diesen Worten Bona Meyers geht hervor, daß der Kronprinz tatsächlich das Buch für geeignet gehalten hat, um es seinem die Universität Bonn beziehenden Sohne, Prinz Wilhelm, dem gegenwärtigen Deutschen Kaiser, zum Studium, wie Meyer sagt, mitzugeben, daß der Prinz auch ein gewisses Interesse an der Sache genommen hat, da er seinen philosophischen Berater wiederholt »ein paarmal« nach dem Buche gefragt hat, daß aber Bona Meyer das seinige getan hat, um zu verhindern, daß der künftige Beherrscher Deutschlands mit der echten Philosophie bekanntwerden und daß er, um dies noch vollständiger zu erreichen, die Rezension von Weiß in den Philosophischen Monatsheften von 1878 S. 161 bis 169 als bestes Mittel entdeckt hat, um dem Prinzen Wilhelm und seinem Vater das Buch möglichst aus den Augen zu rücken.

Nach dieser Abschweifung kehre ich zu der mit skandalöser Leichtfertigkeit im preußischen Abgeordnetenhause von Schorlemer-Alst ausgesprochenen Beschuldigung zurück. Sie konnte nicht verfehlen, die Aufmerksamkeit des Ministeriums zu erregen, und so kam vom Minister eine Anfrage, was es mit der Sache auf sich habe. Direktor v. Kaven, an den sie gerichtet war, teilte sie mir mit und [186] ersuchte mich, sie zu beantworten. Wer war froher als ich. Jetzt, dachte ich, wo ich die Aufmerksamkeit des Ministeriums auf mich gezogen habe, wird man nicht umhin können, die Bedeutung meiner Bemühungen an maßgebender Stelle zu würdigen. Ich schrieb eine Rechtfertigung, welche Hand und Fuß hatte, vierzehn Seiten lang und legte ihr einen Artikel der Kölnischen Zeitung bei, in welchem ich ohne Nennung meines Namens unter dem Titel »Ultramontane Sünden« das Verfahren dieser Dunkelmänner beleuchtet hatte. – Wie groß war mein Erstaunen, als nach einiger Zeit aus dem Ministerium des Handels, unter dem wir standen, wahrscheinlich aber nach v. Kavens Vermutung verfaßt von einem Rat im Kultusministerium, etwa dem Herbartianer Wehrenpfennig, eine Antwort einlief, welche die Verleumdung als unbegründet anerkannte, zugleich aber eine Animosität gegen Schopenhauer und seine Lehre atmete, wie man sie an solcher zu objektiver Beurteilung berufenen Stelle wohl nicht erwartet hätte. Man sähe wohl ein, hieß es, und man habe es schon vorausgedacht, daß das Geschrei der Ultramontanen grundlos sei, aber es sei durchaus zu mißbilligen, daß an einer staatlichen Anstalt die Lehre Schopenhauers verbreitet werde, der Seite da und da sich über die Weiber soundso geäußert habe; wollte ich daher als Privatdozent weiterlehren, so müsse ich mich durchaus auf die Geschichte der Philosophie beschränken, und zwar nur von Platon bis Kant, mit Wegfall der indischen und der nachkantischen Philosophie, da diese beiden wieder Anlaß zu einer Glorifizierung Schopenhauers geben könnten. So das Ministerium. Ich erklärte mich bereit, die Geschichte der Philosophie wenn auch nicht von Platon anzufangen, welches unmöglich ist, so doch von Thales, und kündigte für den Februar 1879 eine Vorlesung über die vorsokratische Philosophie an. Natürlich wie immer gratis. Der Zulauf war nach dem Lärm, den die Sache gemacht hatte, ungeheuer. Über vierhundert drängten sich in dem Saale zusammen und mit Begeisterung und Freude trug ich die vorsokratische Philosophie vor.

Zu Anfang März beschloß ich meine Vorlesungen, und wenige Tage darauf traten Verhältnisse ein, welche mein Scheiden von Aachen veranlaßten.

[187] Durch die Vermittlung Kantschins erhielt ich einen Brief aus Paris vom Fürsten Zscherbatoff, mit der Anfrage, ob ich bereit sei, die Erziehung seiner drei ältesten Söhne Nikolaus, Sergé und Pawel im Alter von elf, neun und acht Jahren zu übernehmen. Sofort antwortete ich und erhielt darauf eine Einladung, nach Paris zu kommen, um mich der Familie vorzustellen, wo ich denn auch am 7. April 1879 am frühen Morgen eintraf. Im Laufe des Vormittags erschien ich in der Familie des Fürsten Zscherbatoff. Fürst und Fürstin mit sechs Kindern, dem Hausarzt, der Erzieherin Olga Alexandrowna, einem russischen Lehrer, zwei englischen Bonnen und anderm Drum-und-Dran bewohnten im Westen eine große Etage. Der Fürst hatte beschlossen, den nächsten Winter mit seiner Familie auf seinem Landgute zu Terny im Gouvernement Charkow zuzubringen, und da der russische Unterlehrer Iwan Wassiliewitsch nicht sonderlich genügte, so hatten alle diese Umstände im Hohen Rat, bestehend aus Fürst, Fürstin und Olga Alexandrowna, den Beschluß herbeigeführt, es mit mir zu versuchen. Ich wurde sehr freundlich, fast herzlich empfangen, frühstückte mit der Familie, ging mit den drei Knaben in Paris spazieren, stellte sie auch meinem Onkel Friedrich vor, und so gefielen wir einander und beschlossen, es mit uns zu versuchen. Der Fürst schlug vor, ich möge nur zuerst als Freund kommen und sehen, ob mir Rußland zusage. Ich entgegnete, daß ich um der Sache willen eine wertvolle Stellung als Privatdozent in Aachen aufgebe und schlug ein Engagement mit vierteljährlicher Kündigung vor. Auch darauf ging der Fürst bereitwillig ein, und als ich fragte, ob ihm die 6000 Franken jährlichen Gehaltes, die ich auf Rat des alten Kantschin gefordert hatte, recht seien, erwiderte er kurz: »Das ist durchaus, was Sie beanspruchen können.« Somit wurde das Engagement abgeschlossen, der Fürst händigte mir einen Tausendfrankschein ein und bemerkte, daß es genüge, wenn ich im Monat Mai in Terny eintreffe. Von der Umgebung des Fürsten interessierte mich am meisten die Erzieherin Olga Kroß oder wie üblich in Rußland mit Vornamen und dem Vornamen des Vaters Olga Alexandrowna genannt, eine anmutige schlanke Blondine, welche mir so gut gefiel, daß ich sie ohne weiteres in das Register meiner sogenannten Flammen aufnahm. [188] Ich sagte mir, daß der einzige Punkt, welcher einem längeren Aufenthalt in Rußland zur Ansammlung eines größeren Vermögens im Wege steht, das begründete Bedenken sei, daß es dann zu einer Heirat zu spät sein werde und ich auf die Belehrungen, welche das Leben in der Ehe gebe, ein für allemal verzichten müsse. Anders würde die Sache liegen, wenn es möglich sein sollte, Olga Alexandrowna zu heiraten und mit ihr zusammen die Stelle in der Familie zu behalten. Dazu ließ sich auch alles an. Olga zeigte sich sehr liebenswürdig, schenkte mir auf Bitten ihr Porträt und so ging ich, das Herz voll Zukunftshoffnungen, gegen Abend zum alten treuen Kantschin. Er war ganz allein und lud mich ein, mit ihm zu speisen. Mit Befriedigung vernahm er mein neues Engagement, lehnte mein Anerbieten, auf die 200 Mark Monatsgehalt, die mir, da wir monatliche Kündigung hatten, noch zukamen, zu verzichten, mit Entschiedenheit ab und übergab mir ebenfalls ein Billett von 1000 Franken, um definitiv unsere Rechnungen und die Aachener Verbindlichkeiten damit zu regeln. Ich zeigte ihm Olgas Porträt und fragte ihn, ob er es für möglich halte, als Erzieher mit ihr als Erzieherin verheiratet zu sein. »Das ist gar nicht unmöglich,« versetzte er, »Sie müssen nur suchen, sich der Familie unentbehrlich zu machen. Dann können Sie alles fordern, und es wird keine Schwierigkeiten machen, in Ihrem Schlafzimmer noch ein zweites Bett aufzustellen.« Dies leuchtete mir ein; ich nahm mir fest vor, mich in Rußland in jeder Weise unentbehrlich zu machen, wir werden sehen, inwieweit mir dies gelungen ist. Am Karfreitagmorgen, dem 11. April, reiste ich von Paris ab und kehrte nach Aachen zurück und beschäftigte mich in dem noch übrigen Monat mit meiner Ausrüstung für Rußland und mit dem Studium des Russischen. Zuerst war mir die Grammatik nach Almdorfs Methode in die Hände gefallen. Sie ist so unmethodisch angelegt und die Beispiele sind so dumm, daß sie vom Studium abschreckt und verdiente, polizeilich verboten zu werden. Besser gefiel mir schon die Grammatik von Bolz, der eine reizende Erzählung von Puschkin zugrunde legt, in jeder Lektion einige Zeilen derselben analysiert und so Deklination, Konjugation und Wortschatz spielend beibringt, auch zahlreiche interessante Parallelen aus dem Sanskrit [189] und den andern verwandten Sprachen anführt. Leider ist sie aber nicht sehr korrekt, und so verfiel ich endlich auf das richtige, indem ich die in jeder Hinsicht vortreffliche Grammatik von Alexejew entdeckte und an ihrer Hand im Laufe des Jahres 1879 mein Russisch gelernt habe. De 11. Mai kam heran und mit ihm mein Abschied von Aachen. Am Bahnhof war Herr Zeidler mit Georges. Meinen Zögling sollte ich nie wiedersehen. Ich ging mit ihm auf dem Perron auf und ab, sprach in herzlichen Ermahnungen auf ihn ein und schenkte ihm einen Rubel, damit er doch etwas Geld habe, welches er nicht sogleich ausgeben könne. Diesen Rubel hat Herr Zeidler, als Georges ihn umsetzen wollte, von ihm eingelöst und nach seinem Tode dem Vater gesandt, der ihn mir zum Andenken schenkte. Ich besitze ihn noch. Der Zug setzte sich in Bewegung und ich las in Herrn Zeidlers Mienen deutlich die Worte: »Wir sind froh, daß wir dich Quälgeist endlich los sind.« Von nun an brauchten sie nicht mehr zu fürchten, ihre Arbeit von mir wie bisher kontrolliert zu sehen. So schloß meine Aachener Zeit, nachdem sie von Oktober 1874 bis Mai 1879 viereinhalb Jahr gedauert und mir viele Not, viel Geld, viele reiche Lebenserfahrungen und viele Freude durch meine Vorlesungen und meine Elemente eingetragen hatte. Um mir eine mögliche Rückkehr an das Polytechnikum offenzuhalten, ersuchte ich durch Direktor v. Kaven um Urlaub auf unbestimmte Zeit. Die Antwort aus dem Ministerium, die mir nach Rußland nachgeschickt wurde, lautete etwa wie folgt:

Nachdem der Dr. Deussen in den Dienst eines ausländischen Fürsten getreten ist, so ist nach Paragraph soundso seine Privatdozentenschaft als erledigt anzusehen und er aus dem Album der Hochschule zu löschen. – Auch hier war man froh, den Quälgeist loszuwerden.

Da Fürst Zscherbatoff bei meinem Besuch in Paris erklärt hatte, daß man mich erst Ende Mai in Rußland erwartete, so nahm ich mir für meine Reise Zeit, fuhr zunächst nach Heinsberg, um, wie ich scherzend sagte, Rußland schon ein Stück näherzukommen, dann zu Onkel Wilm Heinrich nach Jüchen und weiter nach Oberdreis. Auch Tübingen berührte ich, wo Marie, die dort mit dem von mir sehr verehrten früheren Hauslehrer meiner [190] jüngeren Brüder, Braitmaier, verheiratet war, mir mit ihrem Erstgeborenen Siegfried entgegenkam und das Knäblein ohne Umstände auf das Bett warf, unbekümmert um sein Schreien, um sich mir zu widmen. Braitmaier holte aus dem Keller einen Krug Wein; alles war damals noch in bester Harmonie. Von Tübingen gelangte ich über Ulm zum erstenmal in meinem Leben nach München, wo ich einen Vormittag lang Aufenthalt hatte. Ich hatte die Wahl, entweder die Glyptothek und Pinakothek oder das Hofbräuhaus zu sehen, entschied mich für das letztere und wurde dafür dadurch bestraft, daß ich im Hofbräuhaus nichts als leere Tische und Bänke sah, denn es war gerade Putztag. Weiter ging die Fahrt über Linz nach Wien und sogleich auf der Südbahn hinauf zu Bruder Werner, der dort als Ingenieur in einem Eisenwerk arbeitete und sich eben mit dem Gedanken trug, seine Kinderchen Nenna und Willy aus der Heimat herüberbringen zu lassen. Da ich nach Rußland mit dem Gefühle ging wie ein Mönch, der ins Kloster geht, so suchte ich mich in der Geschwindigkeit noch dadurch schadlos zu halten, daß ich jedem hübschen Mädchen stark die Kur machte und von Bruder Werner wiederholt deswegen getadelt wurde. In den nächsten Tagen fuhren wir nach Gloggnitz und wanderten von dort den Semmering hinauf, wobei wir die kolossalen Windungen bewundern konnten, welche die Bahn macht, um die Paßhöhe zu ersteigen. Weiter begleitete Werner mich noch nach Wien, wo ich große Umstände hatte wegen hundert Zigarren, die in meinem Koffer sich befanden, bis ich es endlich erreichte, sie als Transitgut nach Volociska, der ersten russischen Station, gehen zu lassen. Da ich auf Kosten des Fürsten reiste und manche unnötige Umwege gemacht hatte, so beschloß ich, den weiteren Weg in der dritten Klasse zurückzulegen, und fuhr nach Abschied von Werner die Nacht durch von Wien nach Krakau. Selten habe ich eine schlechtere Nacht verbracht; der Wagen war ganz gefüllt, die Leute in Essen und Kleidung sehr unappetitlich, die einzige anziehende Erscheinung war eine hübsche Jüdin namens Jetty Hirsch. Den ganzen folgenden Tag fuhr ich durch Galizien, sah im Süden die schneebedeckten Karpathen und war betroffen über den Gegensatz der reichen blühenden Landschaft und der armseligen Bewohner und ihrer Hütten. Spät [191] abends war ich in Lemberg (Lwow) und am Morgen früh an der russischen Grenze, da, wo das österreichische Podwolociska und das russische Wolociska einander gegenüberliegen. Man hatte mir viel erzählt von der Bestechlichkeit der russischen Zollbeamten und empfohlen, einen Rubel obenauf in den Koffer zu legen. Zum Glück habe ich es nicht getan, denn dem würdigen Offizier, der mein Gepäck revidierte, hätte ich unmöglich etwas anbieten können. Ich erklärte, daß ich im Koffer 100 Zigarren, einen silbernen Becher und viele neue Kleider hätte und empfing die ruhige Antwort: »Das können Sie alles haben, ohne einen Zoll zu zahlen.« Weiter ging es auf eingeleisiger Bahn immer tiefer hinein in das heilige Rußland, und hier waren die Verhältnisse auch in der dritten Klasse durchaus erträglich, in auffallendem Gegensatz zu der Fahrt durch das polnische Galizien. Spät am Abend stieg ich in Voroschba aus, und der erste Eindruck war, daß sich zwei Kerle darum prügelten, wer mein Gepäck zu dem Wagen des Fürsten Zscherbatoff tragen sollte, der telegraphisch bestellt war und vor der Station mich erwartete. Ich stieg ein und nun ging es vier Stunden lang durch eine laue Frühlingsnacht, bis ich endlich um 4 Uhr morgens das Schloß des Fürsten erreichte und leise in das für mich bestimmte Zimmer schlich, um zunächst einmal auszuschlafen. Am andern Morgen wurde ich von Fürst und Fürstin, der Erzieherin Olga Alexandrowna, dem russischen Hilfslehrer, dem Hausarzt und den Kindern, welche ich alle schon in Paris kennengelernt hatte, in der liebenswürdigsten Weise begrüßt. Gleich am Nachmittag wurde mit Fürst und Kindern ein längerer Spazierritt unternommen. Jedes der Kinder hatte einen seiner Größe entsprechenden Pony, während ich bei meiner bis dahin geringen Übung im Reiten wohl eine schlechte Figur machte, so daß der Fürst bestimmte, daß ich zunächst bei seinem ungarischen Stallmeister Reitstunde erhielt. Von da an wurde täglich nachmittags nach dem Diner ausgeritten, und ich brachte es in kurzer Zeit so weit, daß der Fürst erklärte, ich müsse jetzt ein besseres Pferd haben; ein junges, munteres Tier wurde mir zugewiesen, welches für mich allein bestimmt war, und mich so gut kannte, daß es auf mich zukam, sobald es mich sah. Auf diesem konnte ich mich bald in jeder Gangart, Trab wie Galopp, vor allen, [192] namentlich auch vor Olga Alexandrowna mit Ehre zeigen. Ein feierlicher Tag war es, an welchem mein Pferdchen die ersten Hufeisen erhielt, und ich dichtete eine Ode in alzäischem Versmaß und in russischer Sprache auf meine Mascha (Mariechen), wie ich, nicht ohne einigen Anstoß bei der frommen Familie zu erregen, mein Tier getauft hatte. In Erinnerung sind mir noch die Zeilen, wo es hieß: Gdje mayei Maschi oni podkovali neschnija noschki, Heute ist der Tag, wo sie behuften meiner zarten Mascha zierliche Füßchen.

Am zweiten Pfingsttage 1879, kurze Zeit nach meiner Ankunft, hatte ich das Schauspiel des größten Gewitters, welches ich je erlebte. Am Nachmittag umzogen schwarze Wolken den Himmel, unaufhörlich blitzte und donnerte es von allen Seiten, und von der Höhe, auf welcher das Schloß des Fürsten lag, konnte man nicht weniger als sieben Feuerbrände in den verschiedenen Richtungen beobachten. Auch in einen der Pferdeställe des Fürsten war der Blitz eingeschlagen, und da am Pfingstnachmittag niemand zur Hand war, um die Tiere herauszulassen, so sind alle vierzehn Pferde, die im Stalle eingeschlossen waren, in dem Stalle erstickt. Auch ich war mit den Kindern hingeeilt und hatte so zum ersten Male Gelegenheit, bei den Rettungsversuchen die Bevölkerung, in deren Mitte ich lebte, näher zu beobachten.

Kleinrußland, Malorossia, in welchem unser Terny lag, ist ein ganz eigenes Land. Wir haben auch Berge, sagte man mir, aber sie liegen nach unten. In der Tat war das Terrain ein Hochland, mit tief eingeschnittenen Flußtälern, teils herrliche Waldungen enthaltend, teils Felder von größter Fruchtbarkeit. Alles was Wald hieß, jeder Stock von Holz war Eigentum des Fürsten, ebenso bei weitem das meiste Feld, nur daß man den Bauern nach Aufhebung der Leibeigenschaft kleine Stücke Land zugeteilt hatte, welche hinreichten, die Bevölkerung zu ernähren, da der Boden von höchster Fruchtbarkeit war. Wenn ich gelegentlich mit den Kindern Erdarbeiten machte, so konnte ich mich überzeugen, daß überall einen Meter tief alles schwarzer Humusboden war. Steine gab es überhaupt nicht, und hätte man nicht einige Steine hier und da von auswärts herbeigebracht, man hätte den Kindern in der Schule keinen Begriff davon geben können, was ein Stein ist.

[193] Unser Schloß mit dreizehn Fenstern Front stand auf einer Anhöhe, von welcher man über den Park weg zwischen den bewaldeten Teilen hindurch Fernblicke nach den verschiedenen Seiten genoß. Unten im Tale zog sich im Halbkreise über eine Stunde lang ein großes Dorf hin, welches, wie man mir sagte, 10000 Einwohner ohne Weiber und Kinder zählte. Zwei Kirchen, eine halbe Stunde voneinander entfernt, ragten aus dem Meere von kleinen Häusern und Hütten hervor, eine dritte Kirche stand auf unserer Anhöhe in nächster Nähe des Schlosses. Hier war, kurz nach meiner Ankunft, ein Tapezierer mit Ausbesserungen beschäftigt. Ich beauftragte ihn, einen größeren Globus, der den Kindern gehörte und auf der Reise in zwei Stücke gebrochen war, wieder zusammenzuflicken. Er führte diese Arbeit ganz geschickt aus, ich war aber nicht wenig erschrocken, als er für diese Leistung 25 Rubel, etwa 50 Mark, forderte, weit mehr als der Globus neu gekostet hatte. In meiner Verlegenheit wandte ich mich an den Fürsten, und dieser zeigte mir, wie man solche Leute zu behandeln habe. Er ließ den Mann kommen, welcher schon aus der Ferne mit tiefen Verbeugungen herankam und sofort noch ungefragt seine Forderung auf 20 Rubel herabstimmte. Aber der Fürst, ohne ein Wort zu verlieren, zog seine Brieftasche hervor, gab dem Manne einen jener blauen Scheine von 5 Rubeln an Wert und befahl ihm, sich zu trollen. Er entfernte sich dankend unter abermaligen tiefen Verbeugungen.

Ein interessanter Tag gewährte mir einen Einblick in das Leben der Bauern. Eine Bäuerin, die früher auf dem Schlosse gedient hatte und jetzt im Dorfe verheiratet war, feierte Kindtaufe. Hierzu wurde am Tag nach dem eigentlichen Feste die ganze fürstliche Familie eingeladen. Fürst und Fürstin lehnten dankend ab, erlaubten aber den drei ältesten Kindern, geleitet von mir und der Erzieherin Olga Alexandrowna, hinzugehen. Wir betraten das kleine Haus, aus Flechtwerk mit Lehm getüncht, bestehend aus einem Vorraume, in welchem einige Weiber auf der Erde um eine Bowle herumhockten, und einem einzigen großen Zimmer, von dem ein Viertel von dem mächtigen Ofen aus Lehm nach Art unserer Backöfen eingenommen wurde. Auf diesem und einer daranschließenden hölzernen Pritsche pflegte die [194] Familie zu schlafen. Auf dieser Holzpritsche lag auch in Decken gehüllt die Wöchnerin mit ihrem Baby. Betten kennen die Bauern dort nicht, sie verschmähen diesen Luxus, auch wo ihre Mittel ihn erlauben würden. Rings um das Zimmer an der Wand entlang lief eine hölzerne Bank in dem ohne Diesen aus festgestampfter Erde bestehenden Fußboden befestigt. An einer Seite war ein Tisch auf vier in den Boden eingerammten Pfählen. Im Gegensatze zu dieser primitiven Einrichtung war der Tisch auf das reichste bedeckt mit allerlei Braten, Kuchen und weinartigem Getränke. Da es Hochsommer war, der dort zuweilen sehr heiß ist, bedurfte es keiner Heizung. In Winter, wo alles mit Schnee bedeckt ist und 10 Grad Kälte die Regel sind, wird, in Ermangelung von Holz und Kohlen der große Ofen, von außen mit Stroh geheizt. Dann kniet, wie ich es oft beobachten konnte, jemand vor dem Ofen und schiebt eine Garbe nach der andern hinein. Eine ungeheure Glut entsteht, und sobald die letzten Flammen verflammt sind, wird der Ofen mit zwei Deckeln verschlossen, worauf er dann zwei Tage lang die Hitze hält und den Raum ausreichend erwärmt, zumal die Wände dicht und die Fenster nur ganz klein sind. Im Winter trägt alles lange Stulpenstiefel, darüber bis zum Knie reichende Röcke, auch die Weiber, welche in dieser Vermummung von den Männern kaum zu unterscheiden sind. Im Sommer gehen die Weiblein durchweg barfuß, die Beine bis zum Knie nackend, was ihnen ein anmutiges Aussehen und einen sehr graziösen Gang gibt.

In dem großen Dorfe, welches sich um den Schloßberg in weitem Halbkreise herumzog, gab es auch eine Anzahl besserer Familien von kleinen Gutsbesitzern, welche unter sich zusammenhingen und auch zum Schloß einige Beziehungen unterhielten. Wiederholt waren wir, d.h. ich und der russische Unterlehrer Wasili Iwanowitsch, bei ihnen eingeladen und revanchierten uns, indem wir ihnen in einem geräumigen Saal des Dorfes ein Tanzfest gaben. Wasili Iwanowitsch war der Arrangeur, da er sich auf dergleichen sehr gut verstand. Unter den Geladenen befand sich ein anmutiges Mädchen namens Tatiana Nikolajewna, und als eine Tour an der Reihe war, wo ein Herr mit verbundenen Augen in der Mitte steht, von den Damen im Kranz [195] umgeben wird, dann auf eine zugeht, ihren Namen zu raten sucht und mit ihr tanzt, da fragte ich Wasili Iwanowitsch, ob er es einrichten könne, daß ich Tatiana zu greifen bekäme. Er sagte es zu, und als ich weiter fragte, ob ich es auch wagen dürfe, die Dame zu küssen, erklärte der Filou dieses für einen glücklichen und unter den obwaltenden Verhältnissen wohl ausführbaren Gedanken. Die Reihe kam an mich, mit verbundenen Augen stand ich im Kreise, auf ein gegebenes Zeichen ging ich auf eine Dame zu, faßte sie, und ehe sie sich dessen versah, drückte ich auf ihre zarten Lippen einen Kuß. Nun riß ich die Binde von den Augen, sah aber statt Tatiana, welche beschämt entflohen war, nur einen leeren Raum vor mir. An dem Eindruck, den die Sache auf die Anwesenden machte, konnte ich wohl bemerken, daß ich auch für russische Verhältnisse etwas zu weit gegangen war, aber Wasili Iwanowitsch wußte sogleich die Stimmung wieder herzustellen, indem der Taugenichts den Anwesenden kurzweg erklärte, daß dieses so der Brauch in Deutschland sei.

Auch mit den Popen des Dorfes unterhielten wir einige Beziehungen und kamen gelegentlich in ihre Häuser. Die Ausstattung derselben und der Bildungsgrad ihrer Bewohner entsprach weniger dem der deutschen Pastorsfamilien, als vielmehr dem unserer Elementarlehrer auf den Dörfern.

Im ganzen kamen wir nur selten in das Dorf. Einmal ging ich mit den Kindern hinunter, um den Jahrmarkt zu sehen. Hier bemerkte ich, wie zwischen den Buden und der sie umdrängenden Bevölkerung eine Reihe von Menschen sich angefaßt hielten, der Folgende immer am Gewand des Vorhergehenden, und so wie eine Schlange sich durchwanden, der vorderste mit hochgehobenen Händen und alle eine klägliche Litanei anstimmend. Verwundert fragte ich nach dem Sinn dieses Aufzuges und wurde bedeutet, daß es die Blinden des Ortes seien, welche in dieser Weise den Jahrmarkt bettelnd durchzogen. Sofort fiel mir die Stelle aus der Kathakauphanischad ein, welche die Menschen mit Blinden vergleicht, die von einem Blinden geleitet werden, sowie das Wort Jesu von den blinden Blindenleitern, und ich möchte annehmen, daß beides auf einem ähnlichen Brauche in Indien und Palästina beruht, wie ich ihn auf jenem Jahrmarkte [196] in Terny und sonst niemals wieder zu beobachten Gelegenheit hatte. Nachdem ich mit den Kindern das Treiben des Jahrmarktes genugsam genossen hatte, kehrte ich, um ihnen einige Ruhe zu gönnen, in ein Wirtshaus ein und bestellte ein Glas Tee. Da ich auf meine Frage, wieviel zu bezahlen sei, nur eine undeutliche Antwort erhielt und nicht noch einmal fragen mochte, gab ich einen grünen Dreirubelschein hin und war erstaunt, aus dem zurückgegebenen Gelde zu ersehen, daß das Glas Tee mit Zucker und Zitrone nur 3 Kopeken (= 6 Pf.) kostete. Auch sonst war alles auf dem Lande in Rußland sehr billig, indem man, wie ich hörte, für eine Kopeke zwei Eier kaufen konnte usw.

Interessanter und jedenfalls wichtiger für mich war das Leben auf dem Schlosse und dessen Bewohner.

Der Fürst Zscherbatoff, ein durchaus edler Charakter, aber geistig etwas beschränkt, hatte zur Seite eine kluge und welterfahrene Gemahlin, welche in ihrer Weise den Gatten zu lenken wußte. Dies trat so wenig hervor, daß ich mich lange Zeit täuschte und glaubte, daß der Fürst, weil er die Gelder auszahlte, auch der herrschende Teil sei. Er hatte ein gewisses faible für junge anmutige Weiber, wie die Erzieherin der Kinder Olga Alexandrowna und noch mehr für deren besuchsweise längere Zeit auf dem Schlosse weilende Schwester Alexandra Alexandrowna, welche keine andern Vorzüge hatte als ein angenehmes Äußere und ein allzu häufiges Lachen, welches den Fürsten zu faszinieren schien. Mit Hilfe dieser Weiblein wußte die Fürstin ihren Gatten ganz nach ihrem Willen zu lenken.

Von den sechs, später sieben Kindern hatte ich nur die drei ältesten unter mir. Sie sollten weder Latein noch Griechisch lernen, so daß ich nur dem ältesten einige Stunden im Deutschen gab, im übrigen aber mich darauf beschränkte, das Ganze zu dirigieren. Ich schlief mit den drei Knaben in einem Zimmer, ging mit ihnen jeden Morgen baden in einem 20 Minuten entfernten Teich, frühstückte mit ihnen und überwachte die von Olga Alexandrowna und dem russischen Unterlehrer gegebenen Stunden. Um 1 Uhr folgte ein opulentes Frühstück, von 2 bis 4 waren Stunden, von 4 bis 5 turnte ich mit den Knaben an den nach meiner Angabe verfertigten Geräten, dann folgte das Diner und nach [197] demselben eine Promenade zu Pferd. So verging der Sommer in einer von Morgen bis Abend anhaltenden und nicht unangenehmen Tätigkeit; was mir an Zeit noch übrigblieb, verwendete ich auf das Russische, in welchem ich bald reißende Fortschritte machte. Mein Plan, mich unentbehrlich zu machen, schien zu gelingen; man lobte mein Turnen, bei dem die Gäste des Hauses meist zugegen waren, lobte mein Russisch und spendete mir in jeder Hinsicht reiche Anerkennung. Im Herbste kam die Großmutter der Fürstin an, um den Winter über zu bleiben. Sie nahm bald im Hause die herrschende Stellung ein. Infolge meines Heiratsprojektes war eine zarte Neigung zu Olga in mir aufgekeimt und steigerte sich bald zu einer mühsam verheimlichten Liebe; sie lieb, wie ich an Blicken und Worten merken konnte, nicht unerwidert, ohne daß es unter den obwaltenden Verhältnissen zu einer Aussprache gekommen wäre oder auch nur hätte kommen können.

Im Oktober setzte der Winter ein. Die Erde bedeckte sich mit einer immer höher werdenden Schneehülle, welche, einen Meter hoch, nur da eine Bewegung im Freien gestattete, wo eine Schlittenbahn sich gebildet hatte. Jetzt wurde der Kreis unseres Daseins bedeutend verengt. Das Reiten, Baden und Turnen im Freien hörte auf. Nur Zimmergymnastik mit Hanteln wurde täglich betrieben. Unser beständiger Zuschauer war ein kleiner Papagei, welcher die Bewegungen nachmachte und sich dermaßen in mich verliebte, daß er schon frühmorgens vor dem Schlafzimmer darauf wartete, daß der Diener die Tür öffnete, und dann saß er den ganzen Tag auf meiner Schulter. Zwei Unterhaltungen anspruchslosester Art füllten die langen Winterabende aus, das Lottospiel, bei dem man einige Rubel gewinnen oder verlieren konnte, und das Tanzen, welches mit großem Ernst betrieben wurde. Ein Ball, zu dem die Gutsherren der Nachbarschaft erschienen, wurde im Schlosse gegeben und bildete schon wochenlang vorher fast das einzige Tagesgespräch. Im Tanzen war ich nur mäßig geübt, und die Großmutter schleuderte mir das harte Wort entgegen: »Vous n'avez pas de grâce«, welches mich verdroß und nicht unerwidert blieb. So verlor ich teilweise ihre mir anfänglich in reichem Maße zugewendete Gunst, [198] während sich der russische Unterlehrer, so wenig er auch als Charakter bedeutete, als trefflicher Tänzer und maître de plaisir den Damen empfahl und in jedem Sinne einzuschmeicheln wußte. Die Situation fing an, für mich unbehaglich zu werden. Olga, so nett sie äußerlich war, ließ doch immer deutlicher einen Mangel an innerem Gehalt erkennen; dies kühlte mich ab und meine veränderte Stimmung blieb wohl von der andern Seite nicht unbemerkt. Auch bei der Fürstin stieß ich an, sie liebte nur allzusehr ein Gespräch über religiöse Fragen, und ich war nur allzu bereit, darauf einzugehen. Dann mochte es geschehen, daß sie erregt aufsprang und das Gespräch mit den Worten abbrach: »Mit einem Worte, ich bin eine Christin und Sie sind ein Buddhist.« So zog sich eine Wolke über mir zusammen. Dazu kam, daß unter dem Einfluß der Großmutter der Plan heranreifte, die Kinder einem Kadettenhaus zu übergeben, so daß ich fürchten mußte, daß sie mir entzogen würden, gerade dann, wenn ich ihnen durch meine wissenschaftliche Bildung von Nutzen hätte werden können. Alles dies zusammen mochte wohl im andern Lager den Wunsch zeitigen, mich auf gute Art loszuwerden. Der Fürst war zu Anfang des Jahres 1880 schwer erkrankt, und kaum war er genesen und zum erstenmal wieder abends im Salon erschienen, als sich die folgende Szene abspielte, bei der er offenbar von den Weiberchen seiner Umgebung wie an unsichtbaren Fäden gelenkt wurde. Es war das Fest der Wasserweihe am 7. bis 9. Januar. Ein großes Kreuz aus Eis wurde aus dem Teiche ausgesägt und aufgestellt. Die Kinder wünschten es zu sehen, aber der Schlittenweg zum Teich war 40 Minuten lang, und hätte ich ihn, wie auf dem Hinwege, so auch zurück wieder eingeschlagen, so würde ich die Kinder länger als die dem Spaziergang bestimmte Stunde im Freien bei 10 Grad Kälte aufgehalten haben. Um dies zu vermeiden, beschloß ich, vom Teich nach dem Schloß auf dem Fußweg zurückzukehren, auf welchem der Schnee nicht so sehr wie auf dem Fahrwege niedergetreten war, so daß die Kinder vielleicht einen Zentimeter tief im Schnee gingen. Als am Abend die Familie im Salon versammelt war und der Fürst zum ersten Male wieder unter uns erschien, entbot er mich in sein Privatkabinett. »Sie sind«, sagte er zu mir, »mit den Kindern heute durch den Schnee [199] gegangen, und Sie wissen doch, wie sehr Serioschas Gesundheit in acht genommen werden muß.« Ich wollte mich rechtfertigen, aber der Fürst ging gar nicht darauf ein, sondern erklärte mir, daß wir uns trennen müßten. Er ließ denn auch sogleich den nichtigen Vorwand fallen und sagte: »Wir lieben Sie alle sehr und haben eine schöne Zeit mit Ihnen verlebt, aber wir haben eingesehen, daß es ein Fehler war, einen Gelehrten, wie Sie, zu engagieren, dessen Vorzüge bei unsern Kindern gar nicht zur Geltung kommen. Wir bedürfen für unsere Kinder neben der Erzieherin und dem russischen Lehrer nicht noch einen erstklassigen Erzieher, sondern nur jemanden, der mit ihnen reitet, turnt und spazieren geht, was auch der Gärtner leisten kann.«

Bei diesen Worten fiel ich aus den Wolken. Also das hatte ich mit meiner Absicht, mich unentbehrlich zu machen, erreicht, daß man mir jetzt in sanfter Art den Stuhl vor die Tür setzte.

Ich war klug genug, auf die Eröffnung des Fürsten nur zu erwidern:

»Sie haben sich mir gegenüber ausgesprochen, erlauben Sie, daß ich Ihnen morgen abend die Antwort darauf gebe.«

In einer fast schlaflosen Nacht überlegte ich, was zu tun sei. Dem Entschluß der Familie gegenüber fühlte ich mich machtlos, und das einzige, was mir übrigblieb, war, aus der gegenwärtigen Situation möglichst ohne Schaden hervorzugehen. Am folgenden Abend war ich es, der den Fürsten in sein Kabinett bat. »So sehr ich auch bedaure, aus Ihrem vortrefflichen Hause zu scheiden« – hub ich an. Er unterbrach mich, weil er fürchtete, ich wolle einlenken, aber ich ließ ihn nicht zu Wort kommen und wiederholte: »So sehr ich auch bedaure, aus Ihrem trefflichen Haus zu scheiden, so muß ich doch annehmen, daß Sie für Ihren Entschluß triftige Gründe haben, und nehme somit Ihre Kündigung an.« Hier fiel ihm offenbar ein Stein vom Herzen und er war durchaus geneigt, auf alles, was ich billigerweise fordern konnte, einzugehen. Ich fuhr fort: »Ihre Kündigung nehme ich an, aber einer Schuld bin ich mir nicht bewußt, und da wir drei Monate Kündigungsfrist haben, so sehe ich keinen Grund, Sie vorher zu verlassen; wir haben heute den 7. Januar, meine Stelle geht also mit dem 7. April zu Ende.« Nach diesen Worten [200] fürchtete er sichtlich, ich wolle noch drei Monate bleiben, was durchaus gegen meine Wünsche war. Ich fuhr fort: »Wenn Sie Gründe haben, mich früher gehen zu lassen, so füge ich mich dem, muß aber für diese drei Monate, die ich nötig habe, um mir eine neue Stelle zu suchen, mein Gehalt sowie eine Entschädigung für Kost und Logis beanspruchen. Letztere mag 75 Rubel monatlich betragen.« – »Sagen wir lieber 100 Rubel«, versetzte er entgegenkommend. Ebenso wurde eine Summe für Rücksendung meiner Bibliothek festgesetzt, das Papier hervorgeholt, auf dem der Fürst meine monatlichen Einnahmen, die ich zu acht Prozent Zinsen bei ihm stehen ließ, zu notieren pflegte. Bereitwillig wurden alle meine Forderungen bewilligt und gebucht, und es kam eine so stattliche Summe heraus, daß ich nach achtmonatlichem Aufenthalte vierzehn Tage später das Haus mit einem Wechsel auf Berlin von 4000 Mark und 312 Rubel in barem Gelde verlassen konnte. Die letzten Wochen im Haus Zscherbatoff, wo ich alles so genau kannte und ich mich als abgesägten Ast fühlte, mußten ertragen werden. Wie die andern machte auch ich mir die nötige Körperbewegung, indem ich im Garten eine großen von Tag zu Tag anwachsenden Schneekegel aufschaufelte, welcher mein Andenken, bis er geschmolzen war, noch monatelang perpetuierte. Im übrigen machte ich Reisepläne. Zeit war da und das nötige Geld gleichfalls. Ich dachte an Ägypten, Palästina, Griechenland, aber stärker als alle diese Lockungen war das Verlangen, einmal ordentlich Sanskrit zu arbeiten, und so beschloß ich, alle diese Pläne zurückzustellen und direkt vier Nächte und drei Tage durch nach Berlin zu fahren. Am 13. Februar teilte mir der Fürst mit, daß der Wechsel und das Geld angekommen seien, und so stand meiner Abreise am 14. Februar nachmittags nichts entgegen. Ich nahm von allen Abschied, auch von Olga, welche krank oben in ihrem Zimmer lag, dankte herzlich für alles erwiesene Gute, schied mit Umarmung und Kuß von dem Fürsten und Kindern und bestieg den bereitstehenden Schlitten. Noch einmal blickte ich abfahrend auf das Haus und seine mir nachsehenden Bewohner zurück, sagte mir, daß ich diese Orte, diese Personen, mit denen ich so vertraut war, noch ein letztes Mal und nie wieder sehen sollte; dann machte der Schlitten [201] eine Wendung, und verschwunden war ein Stück meines Lebens, um nur noch in der Erinnerung fortzudauern.

Im Terny war ich von einem Kreise wenig bedeutender, aber edler und liebevoller Elemente umgeben gewesen und eigentlich tat es mir leid, von dort zu scheiden. Indessen war es auch für mich so das beste. Ich war fünfunddreißig Jahre alt, und es war höchste Zeit, wissenschaftliche Arbeiten in größerem Umfange zu unternehmen. Mit Befriedigung blickte ich während der vierstündigen Fahrt durch endlose Schneefelder auf mein Gepäck, einen Koffer mit den nötigen Kleidern und zwei Kisten, deren eine vedische Sanskrittexte, deren andere das Petersburger Sanskritwörterbuch enthielt. Mit der Dämmerung war endlich Woroschbar, unsere Bahnstation, erreicht, und mit Entzücken sah ich nach achtmonatlicher Trennung zum erstenmal wieder Eisenbahn und Lokomotive und bestieg den Zug, der mich nach dem Westen bringen sollte. Am andern Morgen langte ich wohlbehalten in Kiew an. Unser Zug hatte den Anschluß versäumt, ich mußte bis zum Abend warten, aber das war mir gar nicht leid. Ich sah die Stadt, ließ mich im Schlitten überall herumfahren und freute mich der wiedergewonnenen Freiheit. Die nächste Nacht brachte mich von Kiew nach Kassiatin, dem Knotenpunkt für Odessa, Wien und Berlin. Und nun ging es durch unendliche Schneefelder von Kassiatin den ganzen Tag vorwärts bis nach Brest-Litowsk. Auf den russischen Bahnen fährt es sich sehr angenehm. Die Wagen sind breiter als die unsern, haben Doppelfenster und gute Heizvorrichtungen, und auf größeren Stationen findet man eine ganze Batterie von Teegläsern, deren Inhalt dem deutschen Biere weit vorzuziehen ist. Die dritte Naht war weniger erquicklich, denn es ging von Brest-Litowsk nach Polen hinein und auf Warschau zu. Das Kupee war ziemlich besetzt und die Reinlichkeit läßt in Polen zu wünschen übrig. Am Morgen sah ich vor mir den mächtigen Weichselstrom und gegenüber Warschau; es erinnerte mich lebhaft an den Blick, den man von Deutz aus über den Rhein auf Köln genießt. Ich übergab mein Gepäck einem Dienstmann und wanderte im Pelz über die Weichselbrücke und in Warschau umher, dessen Mittelpunkt der Saxonski Sad, der sächsische Garten, bildet; auch dieser war wie alles andere noch [202] mit Schnee bedeckt. Um 2 Uhr war ich am Berliner Bahnhof und nahm mein Billett nach Berlin. Unaufhaltsam raste der Zug nach Westen, passierte die Grenzstation Alexandrowo und war gegen Abend auf deutschem Boden in Thorn, wo nun alles wieder heimatlich mich anmutete. Deutsches Geld, deutsches Bier und das übliche Schnitzel mit Bratkartoffeln. Nochmals fauste der Zug die Nacht durch auf Berlin zu. Wenn ich aus dem Halbschlaf erwachend durch das Fenster blickte, sah ich im hellen Mondschein weit ausgedehnt felsige Flächen und Seen. Um 6 Uhr früh wurden die Wagentüren aufgerissen; wir waren in Berlin. Hatte ich schon in Kiew die größte Lust zu bleiben, mich häuslich einzurichten und ruhig zu arbeiten, so war dies alles doch in Berlin leichter zu haben. Hier, sagte ich mir, im Weichbilde dieser Stadt hoffe ich das Wesen zu finden, welches als Gattin an meiner Seite durchs Leben wandeln wird; aber ich sollte noch sechs Jahre auf sie warten, sechs einsame Jahre, denn nirgendwo kann man einsamer leben, als in einer Stadt von mehreren Millionen.